Armand Pouille "Klietz 1945 - Die Lebensunlust der Nachkriegsjahre"

(Deutschsprachiger Teil)

 

 

Armand Pouille

 

 

 

KLIETZ 1945

Die Lebensunlust der Nachkriegszeit

 

 

ICH BIN EIN KLIETZER

 

 

 

 

 

Ins Deutsche übersetzt von

Cornelia Zemskeris

 

 

 

 

 

 

Ich bin ein Kind aus Klietz

Ich schäme mich nicht mehr, endlich als Kind dieses „verdammten boche“ anerkannt zu sein

 

 

Vorwort der Herausgeber

 

Dieses Buch ist kein Roman. Es ist der Aufschrei einer geschundenen  Seele. Eines Menschen, der Zeit seines Lebens nach den Wurzeln seiner Identität suchte und endlich im August 2009 ausgerechnet in unserer Gemeinde bestätigt bekam, dass er hier geboren wurde und zudem einige bemerkenswerte Details über die damit verbundenen Umstände in Erfahrung bringen konnte.

Bei KLIETZ 1945 handelt es sich nicht nur um die Schilderung eines persönlichen Schicksals. Ob in der Berichterstattung oder im  Zwiegespräch mit seiner Mutter, Armand Pouille versteht es ausgezeichnet,  Stationen seines und des Lebens seiner  Mutter einzubetten in übergeordnete historische Ereignisse, insbesondere in das Geschehen im II. Weltkrieg des Jahres 1945 in der Klietzer Region.

Beim Lesen öffnen sich auch Bilder für den, der die damalige Zeit nicht selbst erlebt hat. Man erfährt, wie es Menschen ergangen sein muss, die in der Klietzer Munitionsfabrik gearbeitet haben oder dort arbeiten mussten, was sie empfunden haben könnten, vor allem als Fremde im damaligen Deutschland.

Die ausführlichen Beschreibungen des Autors machen das Buch zu einem  neuen Stück Klietzer Heimatgeschichte und deshalb auch lesenswert für die jüngere Generation.

Armand Pouille, mehrfach diplomierter Sprachwissenschaftler, der gerade an seiner Dissertation schreibt und schon mit einigen Veröffentlichungen über das mittelalterliche Frankreich Aufmerksamkeit erregte, ist glücklich, nun als ein Deutscher, als Klietzer anerkannt zu sein.

Auf der Suche nach seinen Wurzeln hat er auch bei seinem Besuch in Klietz seinen leiblichen Vater nicht gefunden. Auch keinen Hinweis auf dessen Verbleib.

 

Dafür hat er Menschen kennen gelernt, die seine Probleme verstanden und die ihm halfen, damit fertig zu werden.

 

 

 

Mit dem Ziel,  möglichst vielen Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit zu geben, sich mit der Geschichte dieses Mannes vertraut zu machen, um dabei zugleich etwas mehr über die Vergangenheit des Dorfes in Erfahrung zu bringen,  haben sich Bürgermeister Jürgen Masch und Jürgen Przybyla  entschlossen, den deutschsprachigen Teil des Buches im broschierten Taschenbuchformat heraus zu geben. Das Heft soll gegen Entrichtung einer freiwilligen Spende im Büro der Gemeinde sowie in einigen Verkaufsstellen des Ortes angeboten werden. Der Erlös wird den in Klietz ansässigen Kultur- und Sportvereinen zur Verfügung gestellt.

Bei der Überarbeitung des Originaltextes haben wir uns  strikt an die Übersetzung von Frau Cornelia Zemskeris gehalten. Korrigiert wurden grammatikalische Ungenauigkeiten sowie die Schreibweise von Eigennamen.

 

 

Klietz, Januar 2011

Jürgen Masch

Jürgen Przybyla

 

 

 

 

 

 

 

VORWORT

 

NICHT VERWECHSELN!

 

Der Autor warnt den Leser davor, auf  keinen Fall das deutsche Volk, das ebenfalls im Zweiten Weltkrieg gelitten hat, mit dem Naziregime zu verwechseln, mit seinen Organisationen, seiner Führungsriege an Folterknechten, die während der Nürnberger Prozesse 1946 vor dem Internationalen  Gericht gerichtet und verurteilt wurden.

Die Vorkommnisse, die ihm Leid zugefügt haben und die er in seinem Kapitel «Lebensunlust der Nachkriegszeit» darlegt, werden durch zahlreiche deutsche Freunde abgemildert, die ihm auf seinem Weg begegnen und die ihm helfen, seine wahre Herkunft zu finden. So viel Mitgefühl, Verständnis und Liebenswürdigkeit wird ihm auf seiner Reise in Deutschland entgegengebracht, was ihm endlich erlauben wird, als Kind einer  „unerlaubten Liebe“  zwischen einer Französin und einem Offizier der Wehrmacht während des Krieges anerkannt zu werden.

Er darf sich nun durch seine Geburt in Klietz offen zu seiner deutschen Herkunft bekennen und sich den Satz zu Eigen machen, den der Bürgermeister von Klietz, Jürgen Masch, zu ihm gesagt hat: „Du bist ein Klietzer“

 

Michel Saint Gall

 

 

 

OKTOBER 1923

 

Diese Geschichte fängt also vor dem Krieg an, mit der Geburt der Hauptperson meiner Existenz: Germaine  Létendart, meiner Mutter. Sie wurde am 13.Oktober 1923 in Noeux les Mines als Tochter von Ernest Joseph Louis Létendart  und Germaine Fieux, seiner Ehefrau, geboren.

 

DER KONTEXT

 

SEPTEMBER 1939

 

Die Kriegserklärung

 

Hitler greift Polen an!  Das ist der Anfang des Zweiten Weltkrieges. Frankreich ordnet die Generalmobilisierung an. Die ganze Nation erwidert den Aufruf mit ernster und entschlossener Ruhe.

Die Welt stürzt in eine wie sich herausstellt,  nie dagewesene kriegerische Umwälzung. Das Feuer wird überall ausbrechen: im alten Europa, das sich kaum von dem apokalyptischen Konflikt 1914-18 erholt hatte. Auf der einen Seite gibt es die Streitkräfte der Achse (Deutschland, Italien, Japan...), auf der anderen Seite die Alliierten (Frankreich, Vereinigte Staaten, Großbritannien...). An mehreren Fronten bekämpfen sich abgezehrte, erschöpfte Soldaten, hineingeworfen in fragwürdige Kämpfe und das mitten in einer unter Bombenhagel zu Geiseln gemachten Zivilbevölkerung. Die Briten landen in Frankreich. Belgien veröffentlicht eine Neutralitätserklärung, die Niederlande und die Schweiz machen mobil, beteuern aber gleichzeitig auch ihre eigene Neutralität. Am 9. September erklärt Kanada

 

                                       1

 

 

Deutschland den Krieg.  Die deutschen Truppen wenden eine neue Strategie in Polen an,  den Blitzkrieg.

 

JUNI 1940

 

Die Deutschen besetzen Paris

 

Die Deutschen richten sich in Paris ein nach dem Motto «Deutschland siegt an allen Fronten «

Jeden Tag marschieren die deutschen Truppen im Stechschritt auf den Champs Elysées. Die Nazi-Fahnen schmücken die offiziellen Gebäude.

 

Pétain bittet um Waffenstillstand

 

Da Paul Raymond sich weigert mit dem Reich zu verhandeln, tritt er zurück und appelliert an Marschall Pétain.  Dieser wird Ratspräsident. "Beklommenen Herzens sage ich Ihnen, dass wir die Kampfhandlungen einstellen müssen... Ich habe mich in dieser Nacht an den Gegner gewandt, um ihn zu, fragen, ob er bereit sei mit Anstand und Ehre mit mir, von Soldat zu Soldat, Möglichkeiten zu suchen, die Feindseligkeiten zu beenden".  In seiner Eigenschaft als Ratspräsident unterzeichnet er den Waffenstillstand mit Deutschland im Wald von Compiègne, in einem Wagon des Marschalls Poch (Unterzeichnung 1914-18). Er richtet in Vichy den Regierungssitz ein. Hitler verwirklicht seinen Traum,  Paris zu besuchen. Er wird begleitet von

seinem Architekten Albert Speer (beauftragt, aus Berlin die schönste Stadt der Welt zu machen) und ist höchst zufrieden.

 

                                      2

 

 

Nazistellen

 

Das erste, was die Beamten bemerken, die von ihrem Treck zurückkehren, ist die Ausbreitung der Nazistellen. Überall eröffnen Antennen der Arbeitsfront,  der nationalsozialistischen Hilfe und natürlich die Rekrutierungsbüros, die "Anwerbestellen" . Das waren die Organisationen, die nicht lange brauchten, um aus der sozialen Krise Profit zu schlagen. Die Bedingungen schienen tatsächlich ihren Aktivitäten entgegen zu kommen. Die Arbeitslosigkeit im Norden ist enorm. 

 

Arbeitsdeportationen    

 

Der Reichskohlen-Kommissär - O.F.K. 670 kündigt die Deportation von 8000 polnischen Arbeitern ins Ruhrgebiet und nach Aachen an. Die Maßnahme wird über die Planungen hinaus ausgeführt. Ende 1941 gibt es tatsächlich 12.000 aus Nordfrankreich stammende Bergleute in den "rheinwestfälischen" Betrieben.

 

Die freiwillig Engagierten

 

Die Rekrutierung für das Reich in den anderen Branchen stützt sich in Freiwilligkeit. Nichts unter

scheidet den Norden hier von anderen Gegenden,  außer dass die Deutschen hier besonders gut vorbereitet sind.   

 

 

                                    3

 

 

 

Ausbeutung der Arbeitskräfte

 

Die deutschen Besatzungsbehörden, erlassen im Dezember 1941 das Gesetz der Unternehmenskonzentrationen.  Im Januar l942 regt die Reichsregierung Vichy dazu an, sich aktiv an der Rekrutierungspolitik zu beteiligen.  Deutschland braucht Männer, um eine Million Soldaten auszugleichen, die  an die Front geschickt wurden. Um diesen Verhaftungen zu entgehen, die diese Arbeitskräfte liefern, melden sich die Männer zur Arbeit im Bergbau.  Mehr als 1000 waren es 1943 in bestimmten Kohlebergwerken von Liévin. Angesichts dieser Nazi-Übergriffe reagieren einige zunächst isoliert, dann organisiert in den Sektionen des Widerstands.

 

EUROPA 1942

 

Kollaboration

 

Seit zwei Jahren weiß Hitler, dass er auf zahlreiche willige Kollaborateure in allen besetzten Ländern bauen kann. Einige, wie der Marschall Petain, Helden des Ersten Weltkriegs, denken, dass die Kollaboration das einzige Mittel des Bevölkerungsschutzes ist. Diese Kollaboration muss dazu führen, die  Bevölkerung vor den Grausamkeiten des Krieges zu bewahren.

 

 

                                   4

 

SEPTEMBER 1942

 

Mitten in diesem Kriegsgeschehen leistet Germaine Létendart ihre erste Zivilhandlung als Erwachsene. Sie heiratet in Liévin Marcel Lesage. Das wird bedeutende Folgen für den Autor haben.

 

FEBRUAR 1943

 

Die Anwerbestellen

 

Gemeinsam mit den Besatzungskräften organisieren die Dienste von Marschall Pétain den Abzug der Arbeitskräfte, in dem sie Rekrutierungsbüros für freiwilligen Arbeitsdienst in Deutschland eröffnen, die  "Anwerbestellen". Die ersten Propagandaplakate des freiwilligen Arbeitsdienstes in Deutschland werden aufgehängt. Darauf kann man lesen: „Wenn du in Deutschland arbeitest, wirst du Botschafter französischer Qualitätsarbeit.“

 

 

DER ANFANG MEINER GESCHICHTE

 

Der Ausgangspunkt meiner Geschichte fällt in die ersten drei Monate des Jahres 1943. Sie beginnt mit Germaine Létendart, die meine Mutter werden wird. Sie wird zu den Franzosen und Französinnen gehören, die sich dazu entschließen, ins nationalsozialistische Deutschland zu gehen. Geschah das aus ideologischen Gründen, war es die Verlockung des Geldes, der Wunsch nach einem besseren Leben als dem im besetzten Frankreich, mit all seinen Einschränkungen und Schikanen oder aus

 

                                   5

 

pétainistischer Überzeugung, um jeden Preis kollaborieren zu wollen? Nein, nach Erzählungen einiger Personen scheint es ein ganz anderes Motiv gewesen zu sein: die Liebe, sicher ein rühmlicheres Motiv, da sie keine Grenzen kennt. Sie war aber schon verheiratet in Frankreich mit einem gewissen Marcel Lesage, mit dem die Ehe aus verschiedenen Gründen nicht vollzogen worden war. Es scheint wahrscheinlich, dass sie nach Deutschland ging, um bei dem zu sein, den sie liebte.

Sie bekam unter ihrem Ehenamen, Germaine Lesage, in einem der Rekrutierungsbüros in Lilie, einer der vielen Anwerbestellen der Region des Nordens, eine Anstellung, ohne Arbeitsvertrag. Sie machte sich am 5.3.194 3 freiwillig auf den Weg.  Sie kam in Deutschland in Klietz in der Nähe der Waffenfabrik zum Einsatz. Sie hatte dort Umgang mit einem deutschen Offizier, der mit der Leitung dieser Fabrik beauftragt war. Sie dachte dabei sicher, in diesem neuen Umfeld ihren Platz zu finden.

Sie wird im April 1945 meine Mutter.

Wie war es möglich, nachdem man Verbrechen beobachtet oder davon gehört hatte, trotz all der von den deutschen Truppen verursachten Grausamkeiten die Kollaboration und den Weg nach Deutschland zu wählen, um für das Naziregime zu arbeiten? Kann man annehmen, dass sie sich einfach von einem Mann hat verführen lassen, der sie vom ersten Moment an geliebt hat - die berühmte Liebe auf den ersten Blick, von der sie so geträumt hatte? All das, ohne an Morgen zu denken, an die Konsequenzen und noch weniger an die Meinung der anderen.

Das genau ist ihr aber passiert. Wollte sie  ihre eigene Geschichte umkehren, in dem sie so handelte,

 

                                    6

 

ihr eigenes Unglück in Frankreich, das mittelmäßige Leben, das sie quälte, auf das ihr neues Leben stärker als andere werden würde? Hatte sie sich nur einen Moment vorgestellt, dass sie einmal auf die Frage Antwort geben müsste, warum sie mit einem Schurken dieser « Boches » (wie man damals in Frankreich zu sagen pflegte) geschlafen hat, statt mit einem anständigen, mutigen, stolzen und ehrlichen Franzosen ?

 

JULI 1944

 

Eine deutsche Liebe

 

Was ist also passiert im Laufe dieses Sommers? Wollte sie, dass  sich ihre Liebe erfüllt, indem sie ja dazu sagte, einem Kind das Leben zu schenken oder hat sie einfach aus Zufall oder unter Druck mit ihm geschlafen? Wollte sie dieses Kind der

deutschen Nation schenken,  wie es einige Frauen im Lebensborn gezwungen waren zu tun?

Durch ihr Handeln hat sie wissentlich die Geschichte  meiner Geburt ins Reich der Fantasie verbannt. Sie ist also schwanger geworden, aber hat sie das Kind behalten wollen? Fragen über Fragen, die mir immer noch durch den Kopf gehen  und die Jahre, die vergangen sind, haben nichts an diesen Fragestellungen geändert!

 

Ein Kind mitten im Krieg

 

Du hast mitten im Krieg ein Kind bekommen, was selten ein überlegter Akt ist. In so einem Fall kommt das meistens aus dem Willen heraus, ein

 

                                   7

 

Schicksal abzuwenden oder es ist das Ergebnis eines Augenblicks der Panik,  der Zufall oder die Folge eines körperlichen oder moralischen Zwangs oder auch der Wille, in schwierigen Zeiten eine unerlaubte Liebe auszuleben. Der Krieg übersteigert wie alle Krisenzeiten die Verhaltensweisen, die Einstellungen und die Gefühle der Freude,  des Hasses,  der Angst bis hin zu widernatürlichen Reaktionen.

Angesichts dieses Fehltritts muss das Vergessen für dich sehr schwer gewesen sein und zweifellos hast du einen Teil deines Lebens damit verbracht, vor Situationen und Personen zu fliehen,  die dir auf die eine oder andere Weise dieses Ereignis zurückrufen könnten. Allein meine Anwesenheit an deiner Seite war sicher ein Albtraum, was wohl deine Worte am Ende deines Lebens erklären: "Geh mir aus den Augen Satan!"

 

Wer bin ich?

 

"Mutter, wer bin ich wirklich? Ich weiß, ich bin dein Sohn, aber wer ist wirklich mein Vater? Ist er liebevoll zu dir gewesen, hat er mit dir zusammenleben wollen, als du dich schwanger wusstest? Hat er dich schlicht und einfach im Stich gelassen? Ist er in den letzten Kampftagen gegen die russischen Truppen am 5. Mai in Klietz umgekommen oder wurde er wie ein Sklave mit nach Sibirien verschleppt ?..."

 

 

 

                                     8

 

MÄRZ 1945

 

Die Amerikaner hatten an der Brücke von Remagen den Rhein überwunden, 40 km von Köln und 30 km von Koblenz entfernt, sie rücken gegen Hamburg vor, was nicht mehr sehr weit ist (19. März 1945). Germaine ist immer noch in Klietz im Einsatz. Alles was ihr zugetragen wird birgt beunruhigende Nachrichten. Die 1. französische Armee ist in Richtung Norden nach Deutschland eingedrungen.

 

 

17. APRIL 1945

 

ERSTE VERSION MEINER GEBURT

 

Die Schlacht tobt

 

Seit mehreren Wochen breitet sich das Schlachtgeschehen überall in Deutschland aus. Die Luftabwehr und die wenigen verbleibenden deutschen

Streitkräfte sind in ständiger Alarmbereitschaft, denn die amerikanische und britische Luftwaffe fliegen zahlreiche Luftangriffe (morgens und abends) um den industriellen Norden Deutschlands und im Osten Berlin und Dresden zu bombardieren in der Absicht, aufs Neue der ohnehin schon leidgeprüften Bevölkerung zuzusetzen. Sie wollen alle wichtigen Städte zerstören, die deutschen Streitkräfte demoralisieren und vor allem die Naziführer dazu bringen um das Ende der Kampfhandlungen zu bitten. Die französischen Streitkräfte haben eben den Rhein überschritten und bewegen sich auf Hamburg und Berlin zu, wo sie sich mit den Alliierten am Ufer der Elbe verbinden sollen. Für die

 

                                 9

 

Alliierten waren die Ziele die Städte Magdeburg, Hamburg, Dresden, Berlin.

Wie erging es nun Germaine während dieser ganzen Zeit der intensiven Kämpfe? Was hat sie wohl gedacht während der neun Monate, in denen sie mich in sich getragen hat? Hat sie in der Waffenfabrik von Klietz gearbeitet, in einem dieser 900 unterirdischen Bunker oder war sie in einer der Büros der Kommandantur in der Nähe ihres Beschützers?

In diesem riesigen Klietzer Wald von 3500 Hektar gab es draußen kein einziges Industriegebäude, überhaupt kein Gebäude. Die Baracken (die Unterkünfte) der Gefangenen standen um den See herum. Später wird das Krankenhaus bei einigen Artillerieangriffen im April 1945 in einen der unterirdischen Bunker evakuiert... da, wo meine Geburt stattfinden wird.

Über Monate hinweg, als du dir über die Risiken klar wurdest, die das alles für dich und mich bedeuten würde, hast du da versucht mich in deinem Bauch zu töten und als dir das nicht gelang, hast du mich für uns beide  schreckliche Monate lang bekämpft? Wie sahen wohl die Szenarien aus,  die du dir ausgedacht hast, um dich aus diesem unglaublichen Problem meiner  bevorstehenden Geburt zu befreien?

 

Klietz (Norddeutschland)

 

Aber trotz dieses wahrscheinlichen inneren Ringens, dieses Kind zu töten, wurde ich, als der Moment gekommen war, deiner Aussage zufolge, am

 

                                    10

 

17. April 1945 um 16.15 Uhr in Klietz (80 km von Hamburg), in einer Notunterkunft während eines amerikanischen Bombenangriffs geboren. Die Stadt Klietz soll dir zufolge komplett ausradiert worden sein, einschließlich der Waffenfabrik. Alles soll zerstört worden sein, also auch alle Verwaltungsarchive,  und es gäbe keine Spuren mehr von dieser Stadt. Das ist die Geschichte, die ich mein Leben lang aus deinem Mund gehört habe.

Musste das Bild meiner Geburt, wie du sie erlebt

hast nicht vertuscht, verschleiert und ins Reich des Vergessens verbannt werden, auch wenn ich sicher unter höllischen körperlichen und psychischen Schmerzen geboren worden bin? Was ist also passiert, als du mich aus dir herauskommen sahst, als du mich hast schreien hören? Was bedeutet der Vorname, den du mir gegeben hast? War es der Name deines deutschen Gefährten Hermann oder der deines eigenen Bruders? Hast da schon angefangen, deine Haltung zu bereuen?

Nach deinen unglaubwürdigen Erklärungen soll  ich weder bei den deutschen Behörden, noch bei der Fabrik noch im Geburtsregister des Krankenhauses registriert worden sein. Die direkte Folge dieser "unrechtmäßigen Geburt“, da ich nirgends angemeldet wurde war, dass ich also als Kind unbekannter Eltern und ohne urkundliche Spur geboren worden bin. Du hast später vorgegeben, die Ankunft der russischen Truppen vor den Toren von Klietz hätte dich davon abgehalten. Bei der Durchsicht meiner französischen Geburtsurkunde von 1946 steht da klar „weder in den deutschen Fabrikregistern noch im Rathaus eingetragen". Ich existierte also eigentlich urkundlich gar nicht im April

 

                                  11

 

1945, was ist also meine wahre Herkunft?

Das hat mir übrigens mein Leben lang einigen Ärger eingebracht, sowohl beim Militärdienst als auch bei allen französischen Verwaltungsakten (Führerschein, Pass, Heirats - oder Geburtsurkunde). Es bedurfte eines Gerichtsurteils des Landgerichts Lille, dass ich offiziell im Februar/März 1946 in Erscheinung trete.

 

Die Anmeldung meiner Geburt in Klietz 1945

 

Noch heute quält mich eine Frage: Meine Geburt, die doch den deutschen Behörden aufgefallen sein muss, sei es dem Betriebsarzt oder der Hebamme, war es überhaupt möglich, dass sie mich nicht anmeldete? Angesichts der bekannten Sorgfalt der deutschen Behörden scheint das unmöglich.

Vielleicht hat mein leiblicher Vater diese Schritte unternommen, um seinen Sohn zu schützen und hat vielleicht nicht damit gerechnet, dass du wieder nach Frankreich zurück gehst? Oder wurde die Anmeldung etwa  deinen Behauptungen zum Trotz, von einem Außenstehenden erledigt? Oder war es eine bewusste Entscheidung, mich nicht anzumelden, um dich vor den französischen Behörden zu schützen und auch gleichzeitig auch mich irgendwie  vor einer möglichen Entführung durch die Mutter zu schützen?

 

 

 

 

                                     12

 

APRIL/  MAI 945

 

Eine tiefe Zerrissenheit

 

In der Panik der Bombenangriffe auf die großen  deutschen Städte bereitet  sich die Fluchtbewegung einer ganzen Bevölkerung vor. In die Tage nach meiner Geburt fällt  wohl der Moment eines schmerzhaftem Hin-und Hergerissenseins, denjenigen zu verlassen, den du geliebt hast und mit dem du dieses Kind hast. Bist du überstürzt aufgebrochen ohne zu fragen, was du zurücklässt und ohne jemandem etwas davon zu sagen?

Du hast also entschieden, aus Deutschland zu fliehen,  um mit einem Zufallsgefährten   nach  Frankreich  zurückzukehren.   Was  hat  er dir als Gegenleistung für den Schutz, den er dir und deinem Kind anbot,  vorgeschlagen? Denn du warst gezwungen, inkognito nach Frankreich zurückzukehren,  da du zu Recht Vergeltungsmaßnahmen der nach Deutschland strömenden französischen Kräfte fürchten musstest (die Jagd auf Kollaborateure war eröffnet). Die Alliierten rückten schnell vor und du wolltest auf keinen Fall, dass man dich in dieser Fabrik fand. Du musstest also diese  Gegend verlassen, die der Ort des Unglücks geworden war,

 

Der Beschützer

 

Um dich zu beschützen und dramatische Folgen deines Verhaltens in Deutschland hei deiner Rückkehr nach Frankreich zu verhindern, mit einem Kind, das auf deutschem Boden geboren war, schlägt dir Eugene eine Art Abkommen vor. Sein

 

                                  13

 

 Verhalten erscheint furchtbar unter diesen Umständen. Hier lasse ich meiner Fantasie etwas freien Lauf, ob das dem Leser gefällt oder nicht, aber ich muss doch Antworten auf Fragen finden oder? Als wahrscheinlich abgewiesener Verehrer hat sich Eugéne dir wohl als "Beschützer" angeboten. Er hat dir sozusagen die Freiheit und das Sorgerecht für das Kind angeboten und als Gegenleistung deine Einwilligung  erwartet, seine Frau zu werden. In dieser Zeit wurden alle aus Deutschland heimkehrenden Frauen mit zweifelhafter Vergangenheit und darüber hinaus mit einem Kind ins Gefängnis

gesteckt  und  ihr Kind der öffentlichen Fürsorge übergeben, um  dann sofort in eine französische Pflegefamilie zu kommen. Später dann, um dir umfassenden Schutz in den Monaten nach dem Kriegsende zu bieten, schlug er dir vor, dein Kind als seines anzuerkennen und so im März 1946 der Adoptivvater zu werden. Dieser ganze Wirrwarr und dein Verhalten können die Erklärung für die wahrlich abenteuerliche Anmeldung meiner Geburt sein.

 

Die Kollaborateure auf der Flucht

 

Man darf nicht vergessen, dass Eugene und du in diesem Moment damals "flüchtige Kollaborateure" wart, weil ihr in Deutschland gearbeitet hattet. Aus freiem Willen habt ihr wie viele andere zur Zersetzung der alliierten Truppen beigetragen, in dem ihr Waffen in der Fabrik von Klietz hergestellt habt. Ihr habt indirekt Übergriffe der Nazi-Wehrmacht auf andere Völker möglich gemacht, die darunter so schrecklich gelitten haben.

 

                                        14

 

Das erklärt die besondere Tragik der Ereignisse, die ihr nach eurer Rückkehr nach Frankreich durchleben werdet. Was für eine Last muss ich gewesen sein, besonders in den ersten Wochen nach meiner Geburt! Welche Risiken hast du auf dich nehmen müssen und wie solltest du meine Existenz den französischen Behörden erklären. Kann es sein, dass du eine derer gewesen wärest, denen man den Kopf kahlgeschoren hat oder die man eingesperrt oder sogar hingerichtet hat? Wie konnte es also dazu kommen, dass du eine so dramatische Geschichte ausgelöst hast?

Ich habe die starke Befürchtung, dass auch das Teil der Verschleierung der Realität, der bequemen und feigen Verblendung war, die die Schuldgefühle nimmt, deren Opfer jeder von uns werden kann, wenn der entsprechende Kontext nur aus Terror besteht. Man sieht nichts, man hört nichts, man weiß nichts mehr! Die Ausdrucksmöglichkeit eines jeden schrumpft dann schmerzhaft, fast unter Scham, und sie rückt die Möglichkeit einer Aussage zur Sache in weite Ferne, bevor sie zum Schweigen wird, um dann, wenn es nichts mehr zu fürchten gibt, ins endgültige Vergessen hinüber zu gleiten.  Die Psyche lässt tatsächlich alles verschwinden, bis zur Vorstellung, dass das alles nur eine böse Erfindung war und das nichts davon je existiert hat, bis zu dem Tag, wo der Schleier des Geheimnisses sich hebt. Das ist das, was jetzt so allmählich mit meinen Entdeckungen im Gange ist.

Kehren wir aber zurück zum Geschehen, das auf meine Geburt folgte und das eher einem Roman gleicht, wenn man die Ereignisse dieser Zeit bedenkt. Da du entschieden hattest, mit mir nach

 

                                15

 

Frankreich zurückzugehen, galt es alles zu tun, um mich zu beschützen, mindestens, so hoffe ich, Dich zu beschützen. Das erklärt die Tatsache, dass sich im Aufnahmelager bei den französischen Behörden auf dem Gesundheitsblatt keinerlei mich betreffende Erwähnung findet, besser gesagt nicht mehr zu finden war (die Bemerkung  „in Begleitung eines Kindes" war von dem für die Anmeldung der Rückkehrer zuständigen Beamten durchgestrichen worden).

 

Gesundheitsblatt

 

Im Gegensatz zu den Behauptungen, die  ihr ein ganzes Leben lang aufrecht gehalten habt, habt ihr, du und dein Gefährte Eugéne,  nicht die Wälder Deutschlands von Nord nach Süd durchquert, zu Fuß, um den französischen Grenzposten in Baisieux bei Lille heimlich zu passieren. Denn auf dem Rückkehrer-Gesundheitsblatt von Germaine, das im Lager von  Nancy ausgestellt wurde, taucht der Name Fischbeck auf.  Was bedeutete also diese Stadt (ungefähr 15-20 Kilometer von Klietz)? War das der Ort, wo du später versucht hast, die Elbe zu überqueren, auf der einzigen noch existierenden Brücke im Süden von Klietz (gegenüber der Stadt Tangermünde), da wo die amerikanischen Truppen stationiert waren ?

 

Rückkehr in die Heimat

 

Das Wiedersehen mit der Heimat war für den Gefangenen ein Schock. Seine  ursprüngliche Freude legte sich schnell beim Kontakt mit der Realität. Seine erste Kritik betraf die Schwachstellen des

 

                                   16

 

Empfangs.  Bevor man "verteilt“  wurde, kam jeder Heimkehrer durch das Wiedereingliederungszentrum des Departements, wo er im Prinzip nur einen Tag blieb.  Dort durchlief er zwangsweise den Block "Personalien" mit einer Flut von Fragen, "warum - wann - wie - wie lange" - man musste genau sein bei seinen Erklärungen.  Oft wurden Überprüfungen vorgenommen, wenn es Zweifel gab. Danach wurde er zum Block "Sicherheit"

geführt, wo er vom militärischem Nachrichtendienst verhört wurde, der die Informationen des Personalienblocks  vervollständigte -  unmöglich, zu mogeln! Der Unterschied zwischen Arbeitern des STO (obligatorischer Arbeitsdienst) und den Engagierten war schnell etabliert. Als nächstes kam der befreite Gefangene von der medizinischen Abteilung zur Zahlstelle, wo er ausstehenden Sold, Nahrung und Zivilkleidung erhielt. Erst nach diesen Untersuchungen war er frei und konnte nach Hause zurückkehren, wo er gebührend empfangen wurde, das heißt mit Freude und Ehre.

Genauso wie die Soldaten  von  1914-1918 im Geist der Schützengräben zurückgekehrt waren, kamen die von 1939-1945 aus den Lagern mit Ideal von Einheit, Bürgersinn, von Dienst und "Sauberkeit" zurück. Bei ihrer Rückkehr entdecken sie Egoismus, Schwarzmarkt, Parteienkämpfe  mit ihren beleidigenden Presseattacken, Frankreich war mitten in der Wahlschlacht für die Kommunalwahlen.  Im Gegensatz zu dem, was die offizielle Propaganda vorgab, hatten sie das Gefühl, dass sich ihre Heimkehr in allgemeiner Gleichgültigkeit abspielte oder schlimmer noch, dass sie unangenehme Erinnerungen wachriefen, die die Franzosen lieber

 

                                      17

 

vergessen wollten. Für einige waren sie die eigentlichen Besiegten von 1940.

Im Unterschied zu den Widerstandskämpfern, den Soldaten von Ledere und der ersten Armee hatten sie kein gutes Image, mit dem sich das Land identifizieren wollte.

Meine Geschichte könnte hier aufhören, wenn ich nicht mein ganzes Leben lang den Wunsch gehabt

hätte, die Wahrheit, meine Wahrheit zu erfahren. Die Nachforschungen, die ich unternommen habe, um meine Herkunft zu kennen, fingen erst wirklich nach dem Tod von Eugéne an, als ich von dem Testament erfuhr, das zugunsten meiner Schwester Marie Therese verfasst ist.

Es war mir ein Bedürfnis, um die Abläufe in Germaines Leben zu verstehen, einige Punkte klarzustellen, die im Verlauf dieses Krieges 39-45 verschwiegen worden waren. Meine Untersuchung brachte mein Gefühl der Verwunderung, eigene Fragestellungen zum Vorschein, die mich im Lauf der Entdeckungen mit Schmerz und Scham erfüllten über den Verrat von Germaine und dann von Eugene. Die beiden gaben vor, stark gläubige Katholiken zu sein, hielten sich für untadelige Menschen und erlaubten sich, über andere und deren Privatleben zu urteilen.

Sie haben sich in einer Weise verhalten, dass ich alles, was meine Geburt in Deutschland betraf, als unerträgliche Belastung empfinden musste. Ohne es zu wissen, war ich der lebende und immerwährende Beweis für ihr Fehlverhalten in dieser dramatischen Epoche. Da ich nicht auf alle meine Fragestellungen eine Antwort bekam, stand meine "Geschichte" im Widerspruch zu meinen Entdeckungen.

 

                                   18

 

Die Wahrheit all dieser Ereignisse machte alles noch schlimmer.

Das chronologische Abspulen von bestimmten Ereignissen, Verhaltensweisen und Positionen wird erlauben, den Schmerz nachzuempfinden, den ich mein Leben lang gespürt habe, immer mit derselben Frage: Warum? Am 3.Juni 1945 im Aufnahmelager

von Nancy habe ich immer noch keine behördliche Existenz. Ich habe offenbar gar keine Personalien, ich existiere nicht, da niemand meine Geburt den deutschen oder französischen Behörden angezeigt hat. Ich bin nicht einmal nach Frankreich gekommen, da ich nicht auf der Kartei von Germaine vermerkt bin.

 

1945-1946

 

So kam es also, dass deine Eltern sich dazu, entschlossen haben, mich nach dem Aufenthalt aus dem Rückkehrerlager von Nancy zu holen und mich nach Liévin mitzunehmen. (Wo, wann, wie haben sie mich übernommen. bis heute bleibt das ein Geheimnis). Die Archive, das Internationale Rote Kreuz in Arolsen werden vielleicht in ein paar Wochen mehr darüber sagen können.

In den ersten Jahren wurde ich von meinen Großeltern wie ihr eigener Sohn aufgezogen, bis zum Alter von ungefähr 3 1/2 Jahren. Bei ihnen habe ich das Glück kennengelernt, das ein kleines Kind sich nur wünschen kann, trotz der Einschränkungen der Nachkriegszeit. Tatsächlich waren Oma und Opa meine Eltern für mich. Ich erinnere mich auch, dass ich meine Großmutter regelmäßig "Mama" genannt habe, Der Sohn meiner Großeltern, Armand,

 

                                      19

 

der Bruder meiner Mutter, also mein Onkel, war wie mein eigener großer Bruder.

In dieser Zeit bei meinen Großeltern hatte ich praktisch keinen Kontakt mehr mit Eugene und Germaine, Sie  waren zu sehr damit beschäftigt, sich zu verstecken, um zu vergessen.

 

Im November 1945 wird Germaine zum zweiten Mal schwanger, während ihr erstgeborener Sohn immer noch keim offizielle Existenz hat,

Sie denkt nur daran, ihre erste Tochter aufzuziehen; Clothilde, die am 1.  August 1946 geboren wird, einige Monate nach meiner Geburtsanmeldung beim Gericht in Lille, Clothilde war wirklich die Tochter von Eugéne. Sie wurde nur von ihm allein anerkannt. Zum zweiten Mal weigert sich Germaine ihr Kind anzuerkennen! Leider stirbt Clothilde am 12. Dezember 1946 an nicht rechtzeitig behandeltem Kindsdurchfall, da Eugene sich weigerte, den Arzt zu rufen aus Angst, dass sie beide angezeigt würden. Die Vergeltungsmaßnahmen konnten damals noch dramatische Folgen
haben. Eingeigelt in einem Keller, peinigte sie die Angst ohne Unterlass.
Das war die Konsequenz ihrer Niedertracht. Sie mussten auf jeden Fall vermeiden,  erkannt zu werden. Als sich Eug
éne schließlich trotz allem entschloss einen Arzt, der für seine Diskretion bekannt war, zu konsultieren, konnte dieser nur noch den Tod von Clothilde feststellen. Zu dieser Zeit hatte man bei dieser Krankheit ohne schnelle ärztliche Hilfe wenig Genesungschancen.  Da sie die Krankheit nicht überlebt hat, konnte sie auch nicht ins Familienstammbuch eingetragen werden, weil

 

                                  20

 

Eugéne und Germaine zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht verheiratet waren.

 

FEBRUAR 1946

In Frankreich von meiner Mutter

im Stich gelassen

 

Eugéne hat spät, in Frankreich, meine Geburt beim Landgericht in Lille angezeigt, ein Urteil erging am 12.Februar 1946. Es bestätigte einerseits meine Geburt und andererseits die Anerkennung durch Eugene. Das Ganze wurde in die Personenregister von Lezennes am 31. März übertragen. Da Eugéne und Germaine zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht verheiratet waren, wurde nichts davon in irgendein Familienstammbuch eingetragen. Einige Erklärungen zu dieser von Eugéne unternommenen Registrierung sind nötig, wenn man die Urkunde liest.

Wie wir später sehen werden ist diese Geburtsanmeldung vom Februar und März 1946 nicht die richtige. Indem ihr so gehandelt habt, habt ihr euch meine Identität widerrechtlich angeeignet. Ihr habt mir Personalien und einen Namen aufgezwungen, die nicht zu mir gehören. Im Laufe meiner Entdeckungen und des Wissens um diese Leugnung, musste ich meine Fantasie zügeln, um mir klar darüber zu werden, dass die Augenblicke einer positiven Kommunikation zwischen dir und mir, Mutter, gar zu selten waren. Du hast mich in Frankreich wieder verleugnet, und du warst nicht imstande mich zu lieben, in meinen Gesten, meinen Worten, meinen Freuden, meinen Tränen, in all diesen Dingen in meinen ersten Lebensjahren, da du mich gar nicht aufgezogen hast.

 

                                    21

 

Die Scheidung und die Adoption

 

In der Zeit des Versteckspiels mit den Behörden hat sich Germaine am 20.November 1946 von Marcel Lesage scheiden lassen und hat dabei die Auflösung der am 5. September 1942 geschlossenen Ehe feststellen lassen. Auf der Scheidungsurkunde ist nirgends die Rede von einem aus dieser Ehe hervorgegangenen Kind. Mehrere Monate nach der Scheidung heiraten Eugéne und Germaine.

Die Hochzeit wird einige Wochen vor der Geburt eines dritten Kindes, am 24,September 1947 gefeiert. Eine Tochter mit dem Namen Marie-Therese wird am 15. Oktober 1947 in Liévin geboren. Sie wird von Eugene und Germaine in juristisch einwandfreier Weise durch Eintragung ins Familienstammbuch anerkannt, so als ob sie das erste Kind dieser Ehe sei.

 

Die Frustrationen

Ich wurde adoptiert. Der Begriff der Adoption erhält hier seine volle Bedeutung, genauso übrigens wie der Ausdruck « unehelicher Sohn », der auf

ein Kind verweist, das nicht als das eigene anerkannt wird. Eine Situation, die so grotesk wie unerklärlich ist, die aber vor allem zeigt wie wenig unsere Gesellschaft mit solchen Problemen umgehen kann. Tatsächlich habe ich erst beim Tod von Germaine am 28,September 2005 von dieser Adoption erfahren (durch eine Fotokopie des Familienstammbuchs, das ich durch Marie-Therese bekam).

Diese Entdeckung, wieso viele andere in meinem Leben, wird grausam durch ihre Absurdität, so bin

 

                                     22

 

ich also weder von Germaine bei meiner Geburt 1945 in Klietz, noch nach ihrer Rückkehr nach Frankreich nach Kriegsende im Februar/März 1946 anerkannt worden. Ich wurde also von ihr erst viel später adoptiert. Wie soll man dieses Verlassen- werden bezeichnen? Hatte sie keine

tiefen Gefühle, um diese Legitimierung so spät erst vorzunehmen? Dieser Sohn, was hat er ihr wirklich bedeutet in all den Jahren?

Ich habe immer unbewusst einen Mangel an Kontinuität bei meiner Mutter gespürt, einen Mangel an Gemeinsamkeit, an spontaner Zärtlichkeit. Die Reaktionen auf diese verschiedenen Mängel, auf diese Anhäufung von Frustration bringen Haltungen hervor, die völlig verschieden sind von einer Bindung wie sie zwischen Mutter und Kind bestehen sollte. Kann es bei Germaine den Versuch gegeben haben, diese Bande wieder herzustellen, ja, die zweimalige Aufgabe Widergutzumachen und so nicht unbewusst diese Verbindung endgültig zugrunde zu richten? Leider ist es eher das, was ich im Laufe der Jahre und einen Großteil meines Erwachsenenlebens spüren werde.

 

Auf  Identitätssuche

 

Meine Identitätssuche wird nicht nachlassen. Welche Hindernisse immer zu überwinden sind oder die Unwahrscheinlichkeit bestimmter Situationen, die Hoffnung, meinen wahren Vater wieder zu finden oder zumindest Informationen über ihn und meine Geburt zu bekommen, bleibt immer lebendig. Das gewinnt von nun an immer mehr Bedeutung, wenn  man die Entdeckung neuer Elemente

 

                                 23

 

berücksichtigt.  Sehr jung schon habe ich mich als anders als die anderen empfunden, ich war der Sohn dieses verdammten "Boche"

Man kann sagen, dass die Eltern, die Kinder unter dramatischen Umständen bekommen haben, und andere unter normalen Bedingungen (das ist bei Marie-Therese der Fall) feststellen, dass eines von ihnen deutlich anders zu sein scheint als die anderen und als sie selbst. Sie machen sich darüber  überhaupt keine Gedanken, und es wird manchmal eher mit einem gewissen Vergnügen und einem Hauch von Neugier wahrgenommen. In diesem Fall kommt es nicht selten vor, dass ein oft älteres Familienmitglied sagt:“er erinnert mich an seinen Großvater oder an seinen Onkel " oder auch: "ganz das Abbild  der Mutter".

Wenn es sich aber um ein adoptiertes oder lange nach seiner Geburt anerkanntes Kind handelt (so ist es im Fall meiner Anerkennung durch

Eugene), sind die Eltern hilflos gegenüber einer solchen hypothetischen Ähnlichkeitssuche.

Es fehlt ein Mindestmaß an Anhaltspunkten, die erlauben eine Aussage über ein natürliches Band zu machen. Man findet sie nicht unbedingt im Verhalten dessen, der zu ihrem Kind geworden  ist. Diese Schwierigkeit, eine direkte Verbindung zu fühlen, sich  auch nur ein wenig  mit dem Verhalten ihres Kindes zu identifizieren, dieses Nichtwiedererkennen ist oft die Quelle von Dramen.

 

 

 

                                       24

 

Armand sah Eugéne nicht ähnlich

 

Alle Welt stellte es fest und sprach es aus:  „Du siehst deinem Vater nicht ähnlich“. Diese Worte brachten Eugéne auf und quälten mich. In der Tat

reaktivierte all das einen Prozess, den ich regelmäßig durchlebte, ein Gefühl von  Abgeschoben sein, ja von Zurückweisung, mehr oder weniger unterdrückt, je nach der Selbstbeherrschung der Eltern.  Die Wiederherstellung des mütterlichen Bandes, in dem Maße wie das möglich war, war so noch

schwerer zu verwirklichen. Aber solche Bemerkungen von anderen waren für mich wahrer Trost und Erleichterung.  Ich wollte ihm auf gar keinen Fall

ähnlich sehen. Ich litt darunter, den gleichen Haarschnitt wie er zu haben, aber da ich nicht das gleiche Gesicht hatte, fühlte ich mich getröstet. Klein,

die blonden Haare, könnten bei Bedarf beweisen, dass ich nicht sein Sohn, sondern der eines anderen war.

 

Grundschule

 

Im Laufe der Schulzeit, der Grundschule kam  es vor, dass ich meine Schulkameraden für ihre Beleidigungen zu meiner Herkunft hasste. Du bist

in Deutschland geboren, du bist ein Kind von einem "Boche", was machst du überhaupt hier in Frankreich? Warum bist du nicht in Deutschland

geblieben? Wie oft habe ich mir gewünscht, nie mehr auch nur einen dieser Schulkameraden zu sehen, nie diese Personen zu sehen, die mich an meine Geburt und die Flut der moralischen Hänseleien erinnerten.

 

                                      25

 

Diese Episoden scheinen bezeichnend für die Verzweiflung zu sein, die mich überkam wegen dieser Leute, die zu viel körperlich und seelisch gelitten hatten: die Nachkriegszeit war immer noch etwas Unerträgliches für bestimmte Leute, und unbewusst repräsentierte ich in ihren Augen all das "Unerträgliche".

 

Meine Gefühle angesichts meiner

ungeklärten Herkunft

 

Was mir ebenfalls schwer fällt anzunehmen, und vor allem damit zu leben, ist dieser Kontinuitätsbruch, was meine Herkunft, was dich Germaine und dich meinen "Erzeuger" angeht.  Die Unfähigkeit meine eigene Vergangenheit und meine väterlichen Wurzeln zu kennen, das habe ich als schmerzhafte Zerrissenheit, als Bruch erlebt. Die Leere der Abwesenheit dieses Vaters, dieser unbekannten Welt, die in dir und deiner Geschichte existierte, die meine hätte werden müssen. Ich leide darunter, sie nicht zu kennen.

Wenn all die Geschichten, die Erlebnisse und die Herkunft der Eltern nicht an die Kinder weitergegeben werden, so viele Lebenserzählungen berichten doch von einem Mangel an Zuwendung, an Geschichte, an Erlebnissen der eigenen Eltern. Warum erwähnen so viele Menschen, wenn sie die Möglichkeit haben, davon zu sprechen, immer den Mangel an Zuwendung in ihrer Kindheit und Jugend? Das kommt, weil vor allem diese Verschmelzung mit ihrer Geschichte fehlt, die ihnen nicht erzählt wurde. Mir fehlt deine, deutscher Vater, deine Geschichte, dein persönliches Erleben

 

                                 26

 

hätte sich zusammen mit dem meinen aufbauen müssen. Das hätte meinem Leben einen anderen Sinn gegeben.

Es ist wichtig, dass die Herkunftsgeschichte der Eltern den Kindern weitergegeben wird, um ihr Leben mit Sinn zu füllen. Alle Eltern müssen ihrem Kind sagen können "ich war, du bist, du wirst sein!“ Das sind deine Wurzeln, mein Sohn... Es tut mir in der Seele weh, das nicht von meinem wirklichen Vater gehört zu haben... Genau in diesem Moment meiner Geschichte kenne ich nicht einmal die Geschichte meiner Geburt, unter welchen Umständen sie stattgefunden hat.

Ich bin niemandes Sohn, und ich zweifle, ob du Germaine meine wirkliche Mutter bist, da du mich mehrmals verleugnet hast. Ich zweifle an allem. Wer bist du, mein Vater, da du nur in meiner Fantasie existierst?

 

1949

 

Aus meiner Kindheit tauchen

angenehme Bilder auf

 

Mit der Liebe meiner Großeltern führte ich ein angenehmes Alltagsleben. Ich höre noch den Kohleherd leise in der Küche summen, und ich fühle die Wärme, die ständig eine Kaffeekanne wärmte, die die Küche mit dem Duft von gutem Kaffee erfüllte.

Mein Großvater arbeitete bei der Eisenbahn von Houillères als Wagonkuppler. Mein Onkel Armand arbeitete ebenfalls in Houillères als Leiter eines Holzlagers (Holz, das für die Bergbauschächte verwendet wurde).

                                    27

 

 

Wenn Onkel von der Arbeit heimkam, verströmte sein ganzes Wesen den Geruch von gefälltem Holz. Seine Arbeitstasche war gefüllt mit Stangenholz,

das zum Anzünden des Küchenherds diente. Da er die Tasche schnell absetzen wollte, vergaß er nicht, mir den Rest seines Arbeitsfrühstücks zuzustecken. Der Rest nannte sich auch "Lerchenbrot" (Butterbrote mit Käse und Fleischresten vom Vorabend belegt oder Marmeladenbrote).

In den wenigen Jahren direkt nach dem Krieg war das Leben nicht leicht, die Einschränkungen trugen manchmal zur Verstimmung bei.  Aber der Sonntag war bei meinen Großeltern immer ein Festtag.  Stolz holte Großvater eine Flasche Weißwein (einen Silvaner wie ihn meine Großmutter mochte) und servierte den Sonntagsaperitif. Wie die Großen

Durfte auch ich von diesem goldenen Getränk kosten, das so gut und fruchtig roch.  Natürlich nur ein bisschen in einem Weißweinglas.  Nach diesem

Ritual war der Gang zum Mittagstisch ein wahres Fest: das Ratatouille, das meine Großmutter in diesem großen - für mich zu großen ~ Teller

auftischte, machte mich selig. Ich aß gut, ich aß zu viel im Vergleich zu dem, was mir meine Mutter später vorsetzte. Die Einschränkungen des Krieges

waren noch sehr spürbar bei meinen Großeltern, deshalb aßen wir mit gutem Appetit, um diese traurigen Jahre zu vergessen, selbstverständlich ohne

Verschwendung. Nichts war zu gut für mich. Meine Großmutter erklärte immer stolz, vor allem wenn Eugéne da war, dass ihr "Kleener" ihr ein und

sei.

 

                                    28

 

Armand, dein Bruder greift ein

 

Die Jagd auf Kollaborateure war gerade abgeschlossen. Nach dieser langen Periode entschied sich Germaine, mich wieder zu sich zu nehmen, weil ich schon mehrere Jahre bei meinen Großeltern gelebt hatte. Welche Überzeugungsarbeit muss sie geleistet haben, um Eugene dazu zu bringen, mich zurückzuholen. Meine Abwesenheit wird ihm in der Tat eher entgegengekommen sein, so musste er nicht den Sohn des verdammten "'Boche" ertragen. Das alles ist nicht ohne Schwierigkeiten in die Tat umgesetzt worden. Denn für mich war es ein grausamer Schmerz. Ich wollte nicht weg von meinen Großeltern, die ich als meine Eltern betrachtete. Man kann nicht rational denken in diesem Alter. Eugene wollte mich mit Brutalität zurückholen. Ich habe aus Angst so laut geschrien, dass mein Onkel Armand, Germaines Bruder, eingegriffen hat und sich zwischen Eugene und mich gestellt hat.

Mein Onkel wollte der Gewalt, die mir Eugene antat, ein Ende machen. Nach diesem Zwischenfall verbot Eugene meiner Großmutter, mich besuchen zu kommen oder mich zurückzuholen.

Um sich diesem Verbot zu widersetzen, musste meine Großmutter sich verstecken, um mich durch die Fenster unseres Hauses zu beobachten. Diese Besuche mussten mit Vorsicht durchgeführt werden, vor allem, wenn Eugéne im Bergwerk war.

 

 

 

                                       29

 

Sich nicht wohl in seiner Haut fühlen:

"Sohn des verdammten «Boche »

 

Ich habe mir damals nicht viele Gedanken über meine Geburt gemacht. Man hatte mir nur ein Minimum gesagt. Als ich klein war, war ich trotz der Hänseleien einiger meiner Schulkameraden, die mich als "verdammten Boche" behandelten stolz, die Geschichte der Deportation von Eugéne und Germaine zu erzählen. Ich ging sogar so weit zu sagen, meine Eltern seien echte Widerstandskämpfer gewesen, richtige Helden. Bei diesem Bedürfnis, ihre Haltung im Zeitkontext als korrekt hinzustellen, schockierte mich am meisten, dass ich von Eugéne als „verdammter Boche“  oder „Sohn eines Boche“  beschimpft wurde und mich selbst sagen zu hören, dass ich mein Leben lang nichts als ein gewöhnlicher Nichtsnutz, ein Bastard sei und immer bleiben werde.

 

1961

 

Erste Enttäuschung eines Heranwachsenden

 

Im Laufe meiner Jugend beschränkte sich das, was ich von meiner Geburt wusste, auf die Stadt Klietz, die völlig von der Deutschlandkarte verschwunden war. Ich wusste nichts von den Turbulenzen des Schicksals, die meine Geburt begleitet hatten. Wie war ich nach Frankreich zurück gekommen? Wer hat sich wirklich meiner angenommen und mich mitgenommen? Nicht zu wissen, wer mein wahrer Vater ist! Nur ein adoptiertes Kind zu sein, war schwer zu ertragen. Was ist aus meiner Kindheit

 

                                      30

 

bei all dem geworden? Ich habe immer unter einem tiefen Mangel an Wurzeln gelitten, der, wie ich hoffe, sich nur mit meinen Recherchen beheben lassen würde. Ich gäbe so viel darum, den Ort meiner Geburt zu kennen, zusammen mit dem Eintrag in ein Geburtsregister. Ich würde so gerne so sein wie alle anderen: ich selbst werden, existieren

können und mit einer wahren Herkunft anerkannt zu sein.

 

1.Februar 1961: die Anerkennung!

 

Am 1. Februar 1961, um 10 Uhr (laut Anerkennungsurkunde) hat Frau Germaine Létendart, verheiratet mit Eugéne Pouille, ohne Beruf, am 13. Oktober 1923 in Noeux-les-Mines (Pas de Calais), wohnhaft in Liévin, Avion 9 Rue de la Bastille, deren Heirat am 24. September in Liévin vollzogen wurde, erklärt dass sie im Hinblick auf die Legitimierung nach Artikel 331 des Zivilrechts das Kind männlichen Geschlechts, geboren  am 17, April 1945 um 16 Uhr an einem Ort 80 km von Hamburg entfernt, offiziell als ihr eigenes anerkennt. Diese Geburt wurde am  1.April 1946 in Lezennes gemäß des Urteils vom Amtsgericht Lille vom

12. Februar 1946 registriert mit dem Namen Armand, Sohn von Eugéne  Pouille. Diese Anerkennungsurkunde von der Antragstellerin gelesen und mit dem stellvertretenden Bürgermeister der Kommune Lezennes unterzeichnet:

Beauftragter Standesbeamter (es folgen die zwei Unterschriften), Am Rand der Urkunde ist vermerkt:

 

                                   31

 

„ANERKENNUNG (Name der Person - Pouille Armand)  adoptiert zugunsten der obengenannten Eheleute durch Urteil des Landgerichts von Arms am 29. März 1961), Bekannt gegeben in Lezennes am 8. Mai 1961. Bürgermeister“ , gefolgt von seiner Unterschrift,

Nach dem Verwaltungsurteil der Adoption zugunsten der beiden Eltern 1961 wird meine Geburt ins Familienstammbuch übertragen, an zweiter Stelle nach Marie-Therese.  Diese Anekdote wurde mir erst im September 2005 zur Kenntnis gebracht.  Die Überlegung, die sich mir aufdrängte war: Was ist hier los? War ich nicht bereits der eheliche Sohn von Germaine?

Die Jahre meiner Jugend vergehen unter der fixen Idee, nichts anderes als der Sohn eines verdammten « Boche » zu sein, ohne auch nur dessen Namen zu kennen.

 

Ein Hauch von Glück

 

Trotz der Verbote von Eugene war der Wunsch, meine Großeltern so oft wie möglich zu treffen, sehr stark. Es ist mir gelungen mich anfangs zu Fuß, dann mit dem Fahrrad, das mir mein Onkel Armand geschenkt hatte, loszureißen und zu ihnen nach Liévin zu kommen. Etwas älter, mit etwa 12 Jahren hatte ich das Glück Pfadfinder zu werden. Ich gab vor, zu Pfadfindertreffen nach Liévin zu fahren (im Wald von Riaumont) und ich nutzte die Gelegenheit, meine Großeltern zu besuchen. Die eigentliche Pfadfinderei, ein bisschen militärisch, hat mir eine Menge menschliche Qualitäten beigebracht, die mich das ganze Leben begleiten.

 

                                 32

 

Mein Geistlicher bei den Pfadfindern, Pater Revet, der die Gruppe leitete, war sehr militärisch in seinen  Gebaren, aber so herzensgut, und er stand ein wenig für diesen meinen deutschen Vater, den ich so gerne kennen gelernt hätte. Das war eine wunderbare Episode für mich. Ich spürte voller Glück und tief in mir diese Freiheit, die mir hier geboten wurde. Ich durfte Schritt für Schritt ich selbst sein, mich äußern, ohne direkten oder indirekten Bezug zu dir, Eugene. Ich lebte außerhalb von Eugenes Drohungen. Ich konnte so sein wie die anderen, nicht auffallen, um unbedingt diesem Außenseitertum zu entkommen, das dir vom Anfang deines Daseins an anhängt, selbst wenn es das Leben kosten sollte. Während dieser Zeit war ich nicht mehr der Sohn des "Boche".  Ich war einfach nur Pfadfinder wie meine anderen Kameraden. Das war mein Mittel, dem Zugriff von Eugene zu entkommen.

Warum hatte man mir dieses unerwartete Geschenk gemacht? Warum war mir das Leben in dieser Zeit auf einmal wohlgesonnen? Man muss wissen, dass es in dieser Zeit wichtig war, gesellschaftlich etwas darzustellen. Es war für einen Steiger (im Bergbau so etwas wie ein Meister) notwendig, dass seine Kinder in eine Privatschule gingen und ein Sohn bei den Pfadfindern war, das machte sich gut...

Später dann, haben mir die militärischen Vorbereitungskurse auf die Fallschirmspringer, immer noch in Liévin, erlaubt, mich zu behaupten, das Leben leichter zu bewältigen. Die anhaltenden Beschimpfungen als "verdammter Boche" haben mich tief getroffen. Aber die Worte meiner Großmutter über meine Geburt haben mich stärker gemacht.  Ich war nicht Eugenes Sohn, sondern der Sohn dieses

 

                                   33

 

deutschen Offiziers in Klietz.

Eigentlich habe ich mein ganzes Leben lang das Gefühl gehabt, den Preis für etwas zu zahlen, was du, Mutter, getan hast; und dass ich dafür kämpfen müsste, um eines Tages die Möglichkeit zu haben, diese Episoden, diese Gefühle so zu erzählen, dass solche Situationen nie mehr möglich sein würden, damit Tausende im Krieg geborene Kinder nie mehr solche Dramen, in der allergrößten Einsamkeit erleben müssen.

 

1963-1965

 

1963 - die Freundschaft

 

Als Jugendlicher habe ich die Bekanntschaft von drei Freunden gemacht: Raymond, Jean und Lucien, mit denen sich eine Verbundenheit entwickelte. Sie hat mir erlaubt, mein Leben auf andere Weise zu sehen, weit entfernt von dem Etikett "Nichtsnutz". Mit Raymond entstand also eine aufrichtige lebenslange Freundschaft, Ich bin sicher, er hätte sich mit mir über alles gefreut, was mir später widerfahren wird. 

 

1965 - Militärdienst - die Entscheidung  

 

Zwanzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg mache ich mich wie alle jungen Franzosen auf, meinen Militärdienst abzuleisten. Ich habe ihn im September 1965 in Carcassonne im 3. Fallschirmregiment der Marine abgeleistet.  Wieder musste ich eine Befragung zu meinen Personalien über mich lassen. Man forderte mich auf, ein Vaterland zu wählen.

 

                                   34

 

Ich hatte mir nie eine solche Frage gestellt, warum eine solche Wahl, so ein Dilemma? Wollte Frankreich mich nicht mehr?

Um in Frankreich bleiben zu können, musste ich anscheinend ablehnen, der deutschen Armee beizutreten (da ich in Deutschland geboren war). Ich

verlor, dem Regimentskommandeur zufolge, die Möglichkeit, eine deutsche Identität zu erhalten. Aber tatsächlich hätte ich, wie spätere Erkundigungen erbrachten, die doppelte Staatsangehörigkeit erhalten, wenn ich nach Berlin gegangen wäre.

Zu dieser Zeit dachte ich,  dass Frankreich meine Heimat sei. Ich hatte gar keinen Grund, das zu ändern, zu "desertieren" wie es Germaine 1943 getan hatte. Meine Entscheidung fiel sofort. Ich habe Frankreich gewählt und meinen Militärdienst unter der französischen Fahne abgeleistet.  Diese Entscheidung war durchaus nicht gegen die Deutschen gerichtet, denn unbewusst  achtete ich sie, vor allem die meiner Generation, die gelitten hatten

und die nichts mit dem Verhalten der Deutschen in der Nazizeit gemein  hatten. Ich habe mich immer irgendwie von diesem Volk angezogen gefühlt, das dafür kämpfte, wieder einen Platz in der internationalen Gemeinschaft einzunehmen. Und da war immer schon dieser Zweifel, ob ich halb Deutscher wäre. Die Elemente, die ich bezüglich dieser Epoche hatte, erlaubten mir nicht zu sagen, wer ich wirklich war. Aber die Zeit war gekommen, zu wählen, ob ich Deutscher werde oder Franzose bleiben würde. Ohne zu ahnen, welche Ereignisse auf mich zukommen würden,

 

 

                                    35

 

1978-1981

 

Eine scheinbare Versöhnung

 

Sie fand während einer kurzen Zeit vor meiner Heirat mit Pascale statt, im Juni 1978. Es wird sich aber trotz allem erweisen, dass diese Annäherung aus purer Höflichkeit,  sehr partiell und vorübergehend war.

30. Mai 1981:

Tod von Armand,

meines Onkels und Germaines  Bruder

 

1983-1985

 

Was für eine Freude bedeutete für uns und unsere Familie die Geburt unserer beiden Kinder (Annette am 16.5.1983 und Anthony am 7.4.1985), das Leben geht weiter, neue Wurzeln brechen hervor. Und wieder bekomme ich das grausame Fehlen meiner wahren  Wurzeln zu spüren: wer bin ich, und wo bist du, mein Vater? Die Geburt unserer Kinder ist nicht dazu angetan, die Beziehung mit Germaine und Eugene zu verbessern. Der Sarkasmus und die Sticheleien, die ich in meiner Kindheit ertragen musste, führten dazu, dass ich sie ganz ablehnte. Ich wollte überhaupt keinen Kontakt mehr mit ihnen haben. Zwei Jahre vergehen, bis es zu einer erneuten Begegnung in Folge eines tragischen Ereignisses kommt

 

 

 

 

                                     37

 

1987 - 1988

 

März 1987

 

Ein Drama wird die ganze Familie überschatten: der Tod meines ersten 20 Jahre alten Sohnes Franck, Mitten in seiner Ausbildung zum Unteroffizier an der Militärhochschule St. Maixent wurde er Opfer eines plötzlichen Herzstillstands während eines Militärwettbewerbs. Er starb mitten im Lauf.

Der dramatische Tod von Franck war eine schwere Prüfung für die ganze Familie, vor allem für seine Geschwister, die damals noch klein waren: Annette war vier, Anthony zwei Jahre alt. Der Tod eines nahen Menschen ist schon schwer, aber sein Kind zu verlieren ist psychisch unerträglich, denn es passiert nicht in einer logischen Ordnung der Dinge des Lebens, man will lieber selbst anstelle des Kindes sterben... Warum, mein Gott, musstest du mein eigenes Fleisch und Blut nehmen, warum er und nicht ich, dachte ich. Indem ich diese Zeilen schreibe, durchlebe ich noch einmal den Moment des Verlassenwerdens durch meine Mutter wenige Tage nach meiner Geburt 1945 unter einem Baum. Trotz des grausamen Schmerzes über den unerträglichen Tod von Franck geht das Leben weiter, unausweichlich, ohne innezuhalten, und man musste ja weiterleben für die, die uns lieb sind, die Familie, die Kinder. Mit diesem Drama kam es auch zu einer Rückkehr von Eugene, Germaine und Marie-Therese. Ein Waffenstillstand etablierte sich zwischen allen Parteien. Aber das Verhalten von Eugene und Germaine meinen Großeltern gegenüber goss wieder Öl ins Feuer!

 

                                   38

 

1987

 

42 Jahre, die Enthüllung

 

Ich musste 42 Jahre  alt werden, um in  Folge einer heftigen Auseinandersetzung mit Eugéne über meine Großeltern, um aus deinem eigenen Mund zu erfahren, was du Germaine, meine Mutter,  mir im April 1945 kurz nach meiner Geburt angetan hast, Eugéne gestand mir, dass du, während Eurer Flucht nach Frankreich im April 1945, um nach Fischbeck zu gelangen, wo die alliierten Truppen waren, und angesichts der Schwierigkeiten, die ich für dich bedeutete, entschieden hast, mich unter einem Baum auszusetzen. Du musstest diesen Rückmarsch ohne ein lästiges Kind zu Ende bringen.

Bin ich also in einer Notunterkunft geboren worden wie es Eugéne auf den Papieren in Frankreich angegeben hat oder doch eher in einer Klinik? Eine der Erklärungen, die mir in den Sinn kommen, wie man in eine solche Extremsituation kommt, ist mir zu sagen, dass ich wohl alles andere als erwünscht gewesen bin und dass es nicht reichte, in deinen Armen zu liegen, um von dir als dein Kind angesehen zu werden. Wem in Frankreich hätte das irgendetwas ausgemacht ? Germaine (verheiratet mit Lesage) ist ohne Kind weggegangen, sie könnte also auch ohne Kind zurückkommen. Wenn Eugéne also wirklich die Wahrheit gesagt hat, muss das doch heißen, dass ich für dich schon gar nicht mehr existierte und in deinem Unterbewusstsein wahrscheinlich nie existiert hatte. In deinen Augen muss ich einen "Fehltritt" dargestellt haben, von dem deine Eltern und dein Bruder nie etwas

 

                                 39

 

erfahren durften! So bist du wohl deinen Weg nach meiner Aussetzung weitergegangen nach einer überstürzten Flucht, um diese alte Brücke über die Elbe nicht weit von Fischbeck zu überqueren. Im Moment dieser Entscheidung, indem du mich dem sicheren Tod ausgesetzt hast, hast du dich nicht mit Vorurteilen abgegeben. Ich will trotzdem ausdrücklich die Hypothese ausschließen, nach der du dich meiner einfach so entledigen wolltest, einfach um wieder frei zu sein. Vielleicht kommt mir das entgegen und erlaubt mir ein ehrenhaftes Bild von dir zu bewahren, um dir  verzeihen zu können in all dem Schmerz, der mich immer noch überkommt, wenn ich diese Zeilen schreibe.

Eines ist sicher: im Augenblick der Flucht hatte ich keine rechtliche Existenz. Nach deinen Aussagen hattest du mich weder bei den deutschen Behörden, noch bei den Leitern der Fabrik, noch beim Standesamt angemeldet. Meine Geburt hat sich also in gewisser Weise ohne aufzufallen ereignet.

Niemand wusste etwas. Tot oder lebendig, niemand durfte etwas von dieser Geburt erfahren. Du, musstest diese Bürde aus deinen Gedanken vertreiben, aus deinem Herzen und aus deinem ganzen Dasein /

„Ich, Eugéne, bin umgedreht, um dich wieder zu holen" hat er mir erklärt Was für ein Schock für mich, diese Worte und diese Enthüllung zu vernehmen. Was für ein Kummer und was für ein Schmerz haben mich in dem Moment übermannt. " Wenn du heute hier bist", fuhr er fort, "dann hast du das mir zu verdanken. Ich wollte auf keinen Fall ein Kind auf dem Gewissen haben. Ich war es, der dich mitgenommen hat! Worüber beklagst du dich? Und du willst uns Vorwürfe machen fügte er hinzu.

 

                                     40

 

Aber warst es wirklich du, die entschieden hat, mich im Stich zu lassen oder war es in Wirklichkeit er, der das Kind des anderen loswerden wollte ? Ich verstehe jetzt besser die Haltung von Eugene all die Jahre nach eurer Rückkehr nach Frankreich und die Beschimpfungen, mit denen er mich überschüttet hat. Ich muss also wirklich der Sohn des ändern, der Sohn des verdammten "Boche" gewesen sein, Dieser Umstand gibt mir unter anderem die Gewissheit, dass er nicht mein Vater war.

Ich war niedergeschmettert von diesen Worten, Ich habe versucht deine Haltung zu verstehen. Es hat mich viel Zeit gekostet, diese Entdeckung und diesen Schmerz, den du mir aufs Neue zugefügt hast, zu verkraften. Ich sollte also noch einmal für einen Fehltritt leiden, den du begangen hattest, für diese  Liebe, die du mit diesem Soldaten in Deutschland gelebt hast ?Ich sollte also diesen Fehler büßen und diese Bürde mein Leben lang tragen, Aber die Fantasie wird manchmal von der Realität eingeholt, und ich denke mir lieber, dass, wenn du diese Aussetzung auch gewollt hast, dass du es nicht aus freiem Willen, in vollem Bewusstsein getan hast. Oder war es etwa eine "negierte Geburt", was hieße, dass ich für dich nie existiert habe, weder in deinem Kopf noch in deinem Körper und das bis hin zur Geburt, die du gar nicht wirklich realisiert hast.

 

Durch meine Überlegungen heute und die Bemerkungen von Eugéne damals kommen mir wild durcheinander eine Menge Fragen in den Sinn, so wie die, die ich mir als Kind zu euren Machenschaften in der Zeit 1943/44 gestellt habe.  Warum habt ihr als "deportierte Zwangsarbeiter“ nie von

 

                               41

 

der Entschädigung des französischen Staates profitiert? Ich muss erst meine Nachforschungen von 2007 bis 2009 beenden, um eure Haltung und eure Motivation besser zu verstehen. Denn in Wahrheit seid ihr nie Zwangsarbeiter gewesen: ihr wart einfach Freiwillige oder Zivilarbeiter die in Deutschland arbeiteten.

 

Dir vergeben können

 

Hinter meiner Verwunderung, diese Worte zu hören und meiner Verblüffung, diese erste tragische Episode meines Lebens direkt nach meiner Geburt

kennen zu lernen, hinter diesen schrecklichen Leiden verstecken sich erbärmliche Aspekte, die die dunkelsten Facetten deines Verhaltens zum Vorschein bringen. Aber, wenn ich heute überhaupt da bin, um diese Gefühle zu analysieren. ..um zu verstehen, was passiert ist, verdanke ich das Eugéne. Ist das die richtige Version?

 

1988

 

Zu dieser Zeit organisierte ich als Direktor eines Reisebüros Reisen, unter anderem nach Martinique. Es wurde mir im Laufe dieser Reise klar, dass die Welt der Schnellrestaurants eine vielversprechende Marktnische ist. Zurück in Frankreich habe ich eine GmbH gegründet und mich selbständig gemacht. Diese neue Tätigkeit wurde schnell ein kommerzieller Erfolg und erlaubte der ganzen Familie, eine Menge Schwierigkeiten zu überwinden.

 

 

                                       42

 

21. Juni 1988:

Tod des Großvaters des Autors.

15. Oktober 1993:

Tod der Großmutter des Autors.

 

1997-2000

 

Die Jahre gingen dahin, und es wurde mir unbewusst klar, dass ich mein ganzes Leben lang alles daran gesetzt habe, so zu handeln, dass andere bemerkten, dass ich kein Nichtsnutz war! Ich wollte nur eins, nicht der Nichtsnutz sein, als den mich Eugene beleidigend bezeichnet hatte. Ich wollte kein Bastard sein. Vor allem nicht sein Sohn,  sondern lieber der Sohn des verdammten «Boche» sein. Diese Worte des «Nichtsnutz» wurden von mir als schreckliches Leid erlebt, wie vom Brandeisen gezeichnet, eine sehr schwere Bürde, zu schwer zu tragen. Ich musste sie loswerden.

Angestoßen durch meine Frau Pascale habe ich mit 50 Jahren noch einmal ein Aufbaustudium an der Universität Lille in Geisteswissenschaften aufgenommen mit der Spezialisierung; Erwachsenenbildung. Ich habe mein erstes Hochschuldiplom D.E.S.S. im Oktober 1998 bekommen.

Da ich nicht sofort eine berufliche Tätigkeit fand, habe ich mein Studium fortgesetzt und im Juli 1999 ein weiteres Diplom, ein D.E.A. erworben. Dieses Niveau erlaubte mir dann, zu promovieren. Wenn noch etwas nötig war, zu beweisen, dass ich kein

« Taugenichts » war, war so der Beweis erbracht. Da ich als Direktor eines Zentrums für Erwachsenenbildung eine Stelle fand, konnte ich meine Promotion nicht mehr weiterverfolgen.

 

                                     43

 

Diese Zeit, als ich das spannende Studium wieder aufnahm, wurde von meiner Tochter Annette und meinem Sohn Anthony als mehr oder weniger schwierige Zeit erlebt (damals 14 bzw. 12 Jahre alt). Meine mangelnde Ansprechbarkeit und die wenige Zeit, die ich für sie hatte, habe ich trotz Pascales Unterstützung mit einer gewissen Bekümmerung ertragen,

 

1999

 

Seit jetzt schon mehr als zwölf Jahren habe ich weder zu meiner Schwester Marie-Therese noch zu meinen Eltern Kontakt mehr. Das letztemal bin ich ihnen beim Tod meines Großvaters in dessen Wohnung begegnet.

 

27. Februar 1999:

Tod meines Adoptivvaters Eugéne,

 

Das Jahr 2000

 

Trotz des Leidens, von meiner Mutter im Stich gelassen worden zu sein, habe ich beim Tod von Eugene entschieden, sie zusammen mit meiner ganzen Familie wiederzusehen.  Aber ich muss feststellen, dass ich das ungewünschte « hässliche Entlein", der Sohn des anderen, der Sohn des verdammten "Boche" bin und bleiben würde. Die Zurückweisung ist total, das Kapitel ist endgültig abgeschlossen. Um all die Qual zu vergessen, muss ich unbedingt meine wahren Wurzeln in Deutschland wieder finden.

 

 

                                       44

 

2002-2003

 

Nach meinem Studium nehme ich die Diplomarbeit meines D.E.A. als Grundlage, um ein Buch daraus zu machen „Von den mittelalterlichen Maurern bis zu den fahrenden Handwerksgesellen heute" Ich entwickle darin das Thema der Erwachsenenlehrausbildung bei den französischen Gesellen auf der Walz. Es wird im Verlag Grancher in Paris in einer Sammlung "Erinnerungen von Erbauern "im Oktober 2002 verlegt. Bin ich immer noch ein "Taugenichts"? Ich denke mit Bedauern daran, dass sie nie etwas davon erfahren haben.

 

Am 18. Juni (standesamtlich)

und 10. September (kirchlich) 2005

heiratet Annette Stephane.

Am 28, September 2005

stirbt Germaine

 

Der Auslöser der Nachforschungen

 

Marie-Therese taucht nach dem Tod meiner Mutter wieder in meinem Leben auf. Ihr Leben hat sich natürlich für und um ihre beiden Kinder organisiert. Nichts verbindet sie mehr mit mir. Die Jahre sind vergangen, und jeder von uns hat gelebt, ohne sich um den andern zu kümmern. Diese Rückkehr in mein Leben hatte tatsächlich nur ein Ziel, so schnell und so gut wie möglich in ihrem Sinne das Erbe meiner Mutter Germaine und von Eugene zu regeln, wurde erledigt. Das hat mir erlaubt, einen Schlussstrich unter all die Jahre der seelischen Trauer und Qualen zu ziehen.

 

                                      45

 

Von diesem Moment an beginnt meine wahre Suche. Ich musste es wissen. Ich wollte die Verbohrtheit von Germaine verstehen, mich so abzulehnen. Vier Jahre werden nötig sein, um meine Ursprünge zu finden. Ich musste mich befreien von dieser gebrandmarkten Geburt, die ich als untilgbaren Makel erlebte, so schwer zu tragen. Die einzige Quelle, die ich besaß, war meine Vorstellungskraft, wo alles erlaubt ist. Ich spürte eine echte Auflehnung gegen die ganze Welt und besonders gegen Germaine und Eugene in mir aufkommen. Ich fühlte mich im tiefsten Innern meiner selbst unwiderstehlich von Deutschland angezogen. Es war notwendig für mich, meine Wurzeln zu finden um sie mit denen dieses deutschen Vaters zu verbinden. Dieses Gefühl kann nicht belanglos sein. Das Interesse und die zwiespältige und unweigerlich ungesunde Anziehung, die ich manchmal für den Zweiten Weltkrieg empfand, dieses Bedürfnis, von mir selbst und von anderen so viel zu verlangen, das Gefühl, das  gleichzeitig konfus und verabscheuungswürdig ist, zu einer anderen Welt zu gehören, dieser Hunger nach Anerkennung durch andere, verdankte ich es das meinem, unbekannten Vater?

 

Das Bild dieses Vaters

 

Nach und nach wurde in meinem Kopf ein bestimmtes Bild von diesem deutschen Vater deutlicher, und nichts in meiner direkten Umgebung konnte es umstoßen, es aufweichen oder verschönern, ganz im Gegenteil! Wenn dieser Vater in den Krieg getrieben worden war, was war seine Rolle gewesen? Es ist schwer einzugestehen, dass auch

 

                               46

 

nur ein Grund, eine Entschuldigung laut werden, akzeptiert werden könnte, wenn es darum geht mit dem Leben anderer zu spielen wie die Führer dieser Nazigreuel es getan haben, immer im Namen der vorgeschobenen höheren Prinzipien.

Alle Kriege sind schmutzig, aber dieser da hat alle Rekorde des Zynismus gebrochen. Diejenigen, die in ihrem Leben haben kämpfen müssen, wissen ganz genau, dass es einen entscheidenden Moment gibt, wo das Leben des anderen gegen das eigene auf dem Spiel steht. Alles wird also auf einmal relativ, setzt in diesem Augenblick mit erschreckender Intensität aus, Aber sogar derjenige, der gezwungen war zu töten, wenn nicht der andere anonym geworden ist - die Grundlage der Konditionierung, um den Feind zu vernichten, den man dir eiskalt vorsetzt - derjenige weiß nur zu gut, dass es Grenzen in der Metzelei gibt, Grenzen, die man nickt überschreitet, ein Minimum an Respekt vor dem ändern und einen Ehrenkodex, den man nicht bricht.

Auch wenn diese Realität in seiner ganzen Hässlichkeit auf Germaine und diesen Vater zutrifft, ist es besser die Wahrheit zu wissen, als ein so feige aufrechterhaltenes Schweigen. Mit welchem Recht darf ich mir denn überhaupt erlauben, ich sein Sohn, sein Verhalten zu beurteilen ? Der Kontext der Epoche muss meine Gefühle relativieren. Ich wage zu hoffen, dass der Vater, den ich nicht kennenlernen durfte, diesen Ehrenkodex hochhielt, den ich heute tief in mir trage.

 

 

                                    47

 

2005 bis  2009

 

Die Familie vergrößert sich, ein neuer Zweig an unserem Stammbaum entsteht. Annette und Stephane bekommen zwei wunderbare Mädchen, Jehanne, geboren am 13.6.2006 und Mathilde am 9.11.2007.  Das Leben geht unaufhörlich weiter, voller Freude und Innigkeit, aber auch begleitet von einer Flut von Trauer und Schmerz. Unsere Erinnerung setzt sich in unseren Enkelinnen fort.  Ich muss  Schritt für Schritt den Schlüssel zu ihren Ursprüngen, meinen Wurzeln finden, Ich fühle mich einfach zum Bewahren des Andenkens verpflichtet.

 

Meine Freunde von "Herzen ohne Grenzen »

 

Diese Kriegskinder sind wirklich entschlossen, ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Nach einem leidvollen Leben voller körperlicher und psychischer oder anderer Misshandlungen ist die Zeit für diese Kinder gekommen, sich aufzurichten, da sie weder Schuld daran haben, noch verantwortlich sind dafür, Kinder eines "Boche" zu sein. Sie sind kollaterale Opfer dieser unwürdigen Kriege des Menschengeschlechts. Es war die Fernsehsendung, die mich zur Vereinigung "Herzen ohne Grenzen" führte, dieser Verein, dessen Ziel sich auf gegenseitige Hilfe bei der Suche nach der Identität all dieser Kriegskinder gründet. Seien es die Kinder aus Liebesbeziehungen von Gefangenen, Zwangsarbeitern oder Besatzungssoldaten. Der Verein "Herzen ohne Grenzen" engagiert sich unter anderem für die bilaterale Anerkennung der Kinder, die während des Zweiten Weltkriegs aus Beziehungen zwischen

 

                               48

 

den Kriegsgegnern geboren wurden.

Sie unterstützt unterschiedliche Arbeitsbereiche ;

den Kontakt und den Dialog zwischen deutsch-französischen Paaren und ihren Kindern, die im Krieg oder danach geboren wurden; Deutschen und Franzosen Hilfe bei Suche nach ihrem Erzeuger oder einem Familienmitglied zugeben.

Sie stellt den Familien Dolmetscher zur Verfügung, um die Kontaktaufnahme und die Nachforschungen in allen Bereichen zu erleichtern. Sie baut eine wirkliche Zusammenarbeit mit den Archiven auf, um jedem eine Chance zugeben, endlich seine Herkunft zu kennen.

 

Meine Kontakte mit "Herzen ohne Grenzen"

 

Erstes Semester 2009

 

Nach einer Fernsehsendung habe ich mit Jean-Jacques Delorme Kontakt aufgenommen, der von meiner Geschichte berührt war, und so bin ich der Vereinigung beigetreten.  Ohne wirkliche Überzeugung, muss ich zugeben. Kurz danach habe ich einen anderen Ansprechpartner getroffen, Guy Vezilier, der angefangen hat mir wertvolle Hinweise zugeben, um meine Recherche zu beginnen: Kontakte mit der Archivstelle der Opfer zeitgenössischer Konflikte in Caen und mit einem anderen Mitglied in Strassburg, Franck Rolland. Nachdem ich einen ersten Brief an das Archiv der Opfer von Konflikten in Caen geschickt hatte, hat die Leiterin der Nachforschungen, Frau Hieblot, in Caen die Rückkehrerakten von Eugene und Germaine gefunden, ausgestellt am 3.6.1945 vom Ministerium der

 

                                      49

 

Gefangenen und Deportierten, und der Ort der Rückkehr war das Departement 39. Folgendes ist darauf vermerkt: Germaine Lesage, geborene

Létendart (Kategorie Freiwillige 5.3.43) mit Ziel Fischheck und Klietz

-Eugene Pouille,, ledig (Kategorie Zivilist 14,2.43) mit Ziel Klietz.
Es bleibt noch viel über meine Geburt zu entdecken. Die Vereinigung « Herzen ohne Grenzen" engagiert sich aktiv in diesem Sinne.

 

Franck und die Stadt Klietz

 

Auf Anraten von Guy, aber mit etwas Verzögerung, habe ich mit Franck in Strasburg Kontakt aufgenommen. Ich habe ihm meinen Wunsch dargelegt, meine deutschen Ursprünge wiederzufinden, da ich in Klietz geboren wurde, Er hat sich angeboten, alle Verwaltungsrecherchen bei den deutschen Behörden zu übernehmen. Er hat mich beruhigt, was den Ausgang meiner Geschichte angeht Wird das Jahr 2009 mich auf die Spur meiner wahren Identität bringen? Im Gegensatz zu den Aussagen von Germaine und Eugéne wurde die Stadt Klietz und die Waffenfabrik nicht bei einem amerikanischen Bombenangriff zerstört.

Heute zeigen die Geschichte und die Archive klar: die russischen Truppen sind am 25. April 1945 in Torgau auf die amerikanischen Truppen gestoßen. Sie sind erst zwischen dem 5. Und 8. Mai 1945 vor den Toren von Klietz angekommen. Die Stadt hat bei einem amerikanischen Artilleriebeschuss am 20. April 1945 einigen Schaden genommen. Aber viele Gebäude wie das Rathaus und einige Häuser

 

                                50

 

aus dieser Zeit stehen immer noch. Das ganze Archiv ist immer noch in den Händen der deutschen Behörden in Sandau (Region Stendal). Die unterirdische Waffenfabrik wurde nicht zerstört  und die Gebäude existieren bis heute.

Im Anschluss an die Anfragen durch Franck bei den deutschen Behörden hat ein erstes Ergebnis bewiesen,  dass ein mich betreffender Personaleintrag beim Standesamt des Rathauses existiert. Er ließ vermuten, dass meine Geburt aufgezeichnet worden war.  Ich war endlich kein Unbekannter mehr,  ich hatte eine Existenz seit April 1945. Ich musste nun nur noch eine Kopie dieser Geburtsurkunde bekommen, um im Detail die Namen derer zu kennen, die mich geboren und der mich angemeldet hat.

Zu diesem Zeitpunkt werden mehrere Elemente klar: der Ehename meiner Mutter, Germaine Lesage, und der mich angemeldet hat, war tatsächlich ein Angestellter des Krankenhauses, wo Germaine entbunden hat, ein Walter lange. Dieser Krankenhausangestellte hat peinlich genau alle (vier) Geburten dieser Zeitspanne registriert, und konnte sie in Anbetracht der Ereignisse erst am 3. September 1945 ins Geburtenregister des Standesamtes eintragen lassen. Diese Eintragung trägt die Nummer 35/ 1945 und wurde vom damaligen Bürgermeister, Otto Alex, für gültig erklärt.

Mein Leiden und meine gefühlsmäßige Einkapselung hatten bisher in meinem leben einen großen Platz eingenommen. Der Energieaufwand, der nötig ist, um aus meiner Bewegungslosigkeit herauszufinden, hatte  mir die notwenige Hellsichtigkeit und den Mut genommen,  diesen anderen Aspekt

 

                                 51

 

meines Erbes anzugehen: mich aktiv an der Auf-deckung der Wahrheit, meiner Wahrheit zu beteiligen wie ich es bis zum heutigen Tage nicht getan habe. Das Auftauchen dieser deutschen Geburtsurkunde, voller Hoffnung, ist umwerfend und wird vielleicht erlauben, andere Elemente über mich und Germaine oder meinen leiblichen Vater herauszufinden. Dafür muss ich hinnehmen, dass sich eine neue Wunde eröffnet: das Wissen um meine Herkunft, was mir erlauben wird, mich außerhalb von den durch meine Mutter verbreiteten Lügen zu entfalten, um endlich zu verstehen und ihr vielleicht zu verzeihen.

 

APRIL 1945 - AUGUST 2009

 

Muss ich versuchen zu verstehen?

 

Die Menschen sind besessen von allem, was sie mit der Vergangenheit verbindet. Wenn man es den Spezialisten überlässt, die Gründe dieser Überlegungen zu erklären, kann man feststellen, dass das Festhalten an der Vergangenheit sich für den Betroffenen nicht auszahlt, der nur schwer seine Geheimnisse preisgibt. Wer von uns kennt wirklich die Geschichte seiner Familie über die Geburt des Großvaters hinaus? Deshalb ist es normal, seine wahren Wurzeln zu suchen, zu versuchen die genauen Umstände herauszufinden, um sie weiterzugeben.

64 Jahre sind vergangen  und  nachdem ich meine und Germaines Geschichte erzählt habe, in dem ich sie in ihren ursprünglichen Kontext gestellt habe, ist mir immer noch keine genauere Sicht auf diese

 

                                    52

 

Periode möglich. Was hast du von diesem Mann behalten, der wahrscheinlich dein Leben geprägt hat, egal wie eng eure Beziehung war? Hast du bereut, hast du dich geschämt, ihn so geliebt, zu haben, dass du ein Kind von ihm bekommen hast ?

Eure beiden Lebensgeschichten haben sich einen Augenblick miteinander verbunden, erhaben oder ungeheuer mittelmäßig und banal, aber so, dass
es deine ganze Existenz verändert hat...dass du dich im Lebensstrudel berauschen, wolltest, um ein anderes Glück zu suchen, als es dir dein Zufallsgefährte  geben konnte und geben können würde.
In diesem Moment finde ich eine Entschuldigung, die nicht meinen Schmerz lindert, und die nicht verhindern wird, dass ich bei deinem Tod Überraschendes entdecken werde, unabhängig von meinen eigenen Recherchen. Durch meine Entdeckungen werde ich intensive Momente voller schmerzvoller Emotion, von Enttäuschung und Erstaunen durchleben.  Nicht leicht zu ertragen, zu verstehen und zu erklären.

 

Mein schreckliches Gefühl

und Erleben der Kindheit

 

Das Exzessive an dieser Zeit der Kindheit und Jugend hat bei mir Gefühle ausgelöst, die von allen möglichen Extremen geprägt waren. Ein Klima von

grenzenloser Hilflosigkeit hat meine ganzes Dasein traumatisiert.  Wenn ich Zeilen schreibe, trübt mir aufs Neue ein tiefer Schmerz den Geist, den

du, Mutter, mich nicht hättest erleiden lassen dürfen. Viele traurig  erlebte Anekdoten meiner Kindheit treiben mich noch heute um, in denen ich bei

 

                                     53

 

dir nie den Trost und die Liebe einer Mutier gefunden habe. Du hättest mich beruhigen müssen.  Ich werfe dir weiter vor, dass ich ohne Identität, ohne

Anerkennung lebte. Du hast mich in eine erbarmungslose Logik getrieben, die so ein Verlassen-werden auslöst: die Logik der Ausgrenzung, das Gefühl ein anderer zu sein,  nicht dazuzugehören, nie zu denen zu gehören, die akzeptiert sind. Unter diesem wiederholten Verlassenwerden habe ich gelitten, und nicht die Wahrheit gewusst zu haben. Wie oft habe ich gehofft, meinen wahren Vater dort in Deutschland zu finden. Ich hätte mir so gewünscht, dass er mich anerkennt, mich versteht, um all die Liebe zu erhalten, die ich unglücklicherweise nicht gekannt habe und nie kennen werde.

 

Misshandlungen und psychische Quälereien durch Eugéne

 

Der böse Blick und die Abscheu mir gegenüber, die ich bei "Ujaine" (wie meine Großmutter zu Eugene sagte) spürte, haben mich tief geprägt. Keinerlei Zärtlichkeit war auf seinem Gesicht auszumachen. Ich muss für ihn das personifizierte Böse repräsentiert haben: "der Sohn des anderen ». Diese Haltung wirst auch du Germaine dir mehr oder weniger mein ganzes Leben lang zu eigen machen. Aber warum mich vor dem sicheren Tod retten, als ich unter diesem Baum ausgesetzt war... um mich dann später so leiden zulassen?

Ich bekam für Nichtigkeiten Ohrfeigen mit vielen Hänseleien, wurde herumgestoßen und sonst gewalttätig behandelt. Das Schlimmste war
immer die Scham, die sie mich empfinden ließen,

 

                              54

 

wenn sie mich immer in derselben Weise behandelten: "Sohn des verdammten 'Boche“, „Bastard“,
„Taugenichts". Das wenige, was ich von diesen Wörtern verstand, ließ mich jedesmal erzittern, wenn ich sie hörte.

Während meine Schwester Marie-Therese spielen durfte, hast du mir in  meiner Kindheit auferlegt, ganz brav auf einem Stuhl zu warten, ohne
mich zu rühren, bis Eug
éne von der Arbeit aus dem Bergwerk zurückkam.
Die Furcht, die Angst, die von ihm ausging und das Trauma, das damit verbunden war, verursachte natürlich jede Nacht Albträume. Lieber verschwinden, aus dem Haus fliehen, dachte ich sehr oft. Wie alle Kinder meines Alters habe ich (wenn Eug
éne nicht da war) Germaine gefragt,  ob ich mit meinen Spielkameraden draußen auf dem Platz vor dem Haus spielen dürfte... Ich bekam immer dieselbe ablehnende Antwort, ich musste bestimmte Aufgaben erledigen, die von ihm vorgesehen waren oder immer wieder im Garten arbeiten.       

Einmal wollte Eugene mich wegen einer Dummheit, die ich begangen hatte in der Garage an einem großen Fleischerhaken aufhängen und das alles unter Beschimpfungen als Nichtnutz und verdammter "Boche". Voller Angst und Horror habe ich geschrien bis er von mir abließ. Er ließ mich einfach auf den Boden fallen. In diesem Moment hatte ich die Vision von diesen Fleischstücken, die in Fleischereien und Schlachtereien aufgehängt sind. Eugéne war außer sich, rot vor Wut. Es hagelte Ohrfeigen, wieder gefolgt von denselben Beschimpfungen.

 

                             55

 

Es gab auch die Scham, die ich empfand, wenn ich morgens den Bus nahm, um in die Schule zu fahren. Ich hatte nur einen grauen Kittel, der meine kurzen Hosen verdeckte und bis zu den Knien ging, Meine Klassenkameraden machten sich über mich lustig und schrien "der Deutsche hat keine Hose, er hat keine Hose" Trotz meines Kummers und all dem Schmerz, von dem ich dir erzählte, hast du nichts unternommen, um mich zu beruhigen oder mir zu erklären, warum ich diesen Beschimpfungen ausgesetzt war. Ich hätte viel darum gegeben, von dir beschützt zu werden.

 

Immer wieder verlassen werden

 

Du hast mich ein erstes Mal auf den Straßen Deutschlands verlassen, war ich nicht dein eigener Sohn, dein Fleisch und Blut? Du hast mich ein zweites Mal an deine Eltern abgegeben nach deiner Rückkehr aus dem Aufnahmelager. Hast du das aus Ablehnung getan, aus Bequemlichkeit? So hast du die innere Verbundenheit ausgelöscht, die zwischen Mutter und Kind bestehen soll. Du hast mir deinen Geruch, Körperkontakt, deine Stimme, deine Brust verweigert und in ganz anderer Weise die unentbehrlichen Elemente der ersten Lebensmonate, wo allmählich ein Leben zu zweit Gestalt annimmt, um ein Ganzes zu schaffen, das eine Mutter ganz eng an ihren Sohn bindet... Ich bin traurig, aber ich beklage mich nicht, denn ich habe in diesen ersten Jahren meines Lebens so viel Liebe von meinen Großeltern bekommen. Später hast du mich ein drittes Mal im Stich gelassen: warum hast du mich nicht mit  Eugéne am 12. Februar 1946 anerkannt?

 

                                   56

 

Und warum mir das zum vierten Mal antun, dadurch, dass du mich mehr als 16 Jahre lang nicht anerkannt hast, als wäre ich nie dein Kind gewesen? Deine Weigerung der Anerkennung hat sich in derselben Weise für meine Schwester Clothilde  wiederholt, als ob auch sie nie existiert hätte. Auch sie hast du im Stich gelassen.

Allein gelassen hast du mich auch an den Abenden, an denen Marie-Therese und ich allein zuhause blieben. Diese neue Form des Verlassens haben wir als sehr schlimm empfunden. Die Angst vor allem, dem leisesten Geräusch, dem Wind und dem Regen, der aufs Dach und an die Fensterscheiben der Baracken der Kohlegesellschaft prasselte, haben uns in Angst und Schrecken versetzt. Zitternd saßen wir eng an aneinander geschmiegt in dem kleinen Bett bis zu deiner Rückkehr am frühen Morgen, Du bist ausgegangen, um dich etwas auszuleben, wie du zu manchen Freundinnen gesagt hast, die du ins Vertrauen gezogen hattest, während Eugene bei der Arbeit im Stollen war.

Mit diesem wiederholten Verlassen hast du mir den Schutz, die Grundsicherheit vorenthalten, die für eine natürliche Identitätsbildung so wichtig ist. Ich kann auf die einfachsten Fragen zu meiner Herkunft keine Antwort finden, ich spüre die Notwendigkeit, mit einer tiefen existenziellen Angst zu leben, bei jeder persönlichen Prüfung, bei allen möglichen Examen oder bei Situationen, die als Herausforderung erlebt werden, All das hat  es mir viele Jahre lang unmöglich gemacht, meinen Platz in der Gesellschaft zu finden, einfach zu existieren, für mich selbst und in den Augen der anderen. Und das egal wie groß der gute Wille, die Großzügigkeit

 

                                   57

 

und Intelligenz derer war, die vermitteln wollten und die es angesichts dieser Zerrissenheit auf sich nahmen, zu vermitteln und diese brutal unterbrochene Kontinuität zu akzeptieren, es baute sich immer eine Mauer des Unverständnisses auf angesichts einer solchen Geburt und solcher Schicksalswendungen.

Eine andere Form des Verlassenseins.  Jedenfalls habe ich das als solche erlebt: die exzessiven Ausgaben, die du machtest, mit Krediten so ziemlich überall, die uns traumatisierten bis dahin, dass wir uns weigerten für dich in den Geschäften Einkäufe zu machen, Du hast an verschiedenen Glückspielen teilgenommen, besonders an Pferdewetten, was dazu geführt hat, dass wir morgens, mittags und abends nichts anderes als Brot und Kaffee auf den Tisch bekamen. Nur zu oft mussten wir uns nur damit begnügen. Das "gute Nachkriegsessen" war Eugene vorbehalten, wenn er von der Arbeit nach Hause kam. Er durfte ja nichts ahnen, denn sein Lohn reichte aus, uns alle vier zu ernähren. Im Bergwerk arbeitete er beim Abbau: das heißt es ging um Rentabilität.

 

Im Erwachsenenalter

Im  Laufe meiner beruflichen Karriere hatte ich nach einer wirtschaftlich bedingten Kündigung die Gelegenheit, im Bereich der Schnellrestauration zu arbeiten,  statt arbeitslos zu bleiben. An einem Sonntagabend, mitten in der Arbeit, wurde ich unangenehm überrascht, als jemand laut im Halbdunkel draußen schrie. Ich glaubte die Stimme einer älteren Frau zu erkennen.  Du warst es, meine Mutter. Ich hatte seit mehreren Jahren keinen Kontakt

 

                                  58

 

mehr zu dir, du fingst vor etwa zehn Leuten an zu schreien:« aber ja, ich wollte es nicht glauben, was du machst, du bist ja schön tief gefallen! >>

 

Eine Erleichterung

 

In diesem Jahr 1999 musste ich die Nachricht vom Tod Eugenes verkraften. Nicht, dass es mir weh getan hätte, vom Tod dieses Adoptivvaters zu hören, in Wahrheit empfand ich eine gewisse Erleichterung… nicht mehr in seinen Augen der Sohn des verdammten "Boche" und der Nichtsnutz zu sein. Es war vor allem die Tatsache, daß ich von seinem Tod von dir, meiner Schwester so spät unterrichtet wurde (ein Jahr später), nur um das Erbe zu regeln.  Das machte mich traurig. So musste ich feststellen, dass ich immer noch und aufs Neue dieser "Abgeschobene" war, dasselbe schwarze Schaf, das gar nicht existieren sollte. Die Eröffnung des Testaments hat mich diesem Sinne noch einmal aufgeklärt: ich war zugunsten meiner Schwester enterbt und hatte so auf kaum etwas ein Recht.

 

Geh mir aus den Augen Satan

 

Kurze Zeit nachdem ich vom Tod Eugene erfahren habe, wollte ich dich, Mutter mit Pascale, meiner Frau und meinen Kindern Annette und Anthony besuchen, um zu versuchen, wieder eine Verbindung aufzunehmen in dieser für dich schweren Zeit. Wir sind alle vier vor deinem Haus unter den Balkonfenstern stehen geblieben. Man konnte durch die Vorhänge sehen, dass du da warst. Nachdem du das Fenster im ersten Stock einen Spaltbreit

 

                                 59

 

geöffnet hattest, hast du mich mit diesen Worten fortgejagt:  "Hau ab du Teufel - geh mir aus den Augen Satan! " Wir mussten also feststellen wie stark deine Ablehnung mir gegenüber mehr als 60 Jahre später immer noch war. Ich war der "Fehltritt" und blieb der Sohn dieses verdammten "Boche"

 

Die Bosheit geht über das irdische Leben hinaus

 

Einige Jahre später 2005 bei deinem Tod (von dem ich auch verspätet durch Marie-Therese erfahren habe) habe ich wieder deine Boshaftigkeit und deine nachtragende Art mir gegenüber feststellen können. Marie-Therese hatte natürlich alles vorbereitet, um das Erbe zu ihrem Vorteil abzuwickeln.

Du hast mich nicht nur testamentarisch zu ihren Gunsten enterbt, auch alles, was nur irgendeinen Wert hatte im Haus war natürlich verschwunden. Die Erbschaft war also alles andere als ausgeglichen, aber was soll 's …

Dein Mangel an Liebe kam wieder einmal durch diese lächerliche Aufteilung ans Tageslicht. Über den Tod hinaus war wieder einmal der Beweis erbracht, falls das überhaupt nötig war, wie weit diese Ablehnung mein ganzes Leben

lang ging. Das Erbe wurde zu 2/3 zugunsten von Marie-Therese aufgeteilt.  Das ist aber nicht das Wichtigste, Es war vor allem die Tatsache, nie die Zärtlichkeit und elterliche Liebe bekommen zu haben, auf die ein Kind ein Recht hat, die schwer zu. verkraften war. Was ist mir bei ihrem Tod geblieben?,,. Ein paar Brosamen und vor allem eine

 

                                   60

 

große Verzweiflung und Traurigkeit, all diese Jahre gelebt zu haben, ohne je wirklich verstanden worden zu sein. Diese Situation war ein weiterer Umstand, mich zu bestrafen, dieses schwarze Schaf, dieser "Sohn des verdammten Boche" gewesen zu sein.

 

Das Unverständnis meiner Schwester

 

Obwohl ich ihr meine Gefühle und all den Schmerz erklärt habe, den ich empfunden habe, immer das schwarze Schaf gewesen zu sein, hast du, meine Schwester, mir vorgehalten, dass ich Eugene und Germaine nicht zu schätzen gewusst hätte. Sie sagte, ich sei trotz allem immer ihr Lieblingskind gewesen. Diese Worte waren einfach zum Heulen... Sollte meine Schwester sich nun auch als Richter aufspielen gegen mich und diese Geburt, die mein Leben lang nur Kummer bedeutet hat? Über den Tod hinaus fügten mir Eugene und Germaine durch die Worte ihrer Tochter ein letztes Mal Leid zu. Ihr Verhalten trug wieder dazu bei, mir zu verstehen zugeben, dass ich total und definitiv abgelehnt wurde. Ja, in Wahrheit musste ich für den Fehler bezahlen, den du Germaine in dieser Fabrik in Klietz begangen hattest.

 

2009 – Die Zeit ist vergangen

 

Die Zeit ist für mich, für dich, vergangen. Ich musste mehr als 60 Jahre warten, um eine Erklärung für meine Geburt zu suchen. Unbewusst habe ich eine Menge von Spuren, Eintragungen,

                                    

                                     61

 

Fragestellungen behalten, die mich auf dieser infernalischen Suche von einer Entdeckung zur anderen geführt, besser getrieben haben. Du hast entschieden, mir die Wahrheit vorzuenthalten, egal was passierte. Aber du hast nicht mit der Zähigkeit, dem Willen jedes menschlichen Wesens gerechnet, seine Wurzeln wieder zu finden... Unser Körper registriert alles; er hat ein fantastisches Gedächtnis, unglaublich lebendig, unter der Bedingung, dass man auf ihn hört. Mit der Zeit, die verging, hat mir dieses Gedächtnis Zeichen geschickt, die ich nicht bemerkt habe, die ich nicht einmal einordnen konnte. Eine Menge Situationen, die ich manchmal als penibel erlebt habe, ohne wirklich die Gründe zu kennen, aktivierten die tief in meinem Innern eingegrabenen Informationen äußerten sich ohne mein Zutun.

Die Bruchstücke dieser frühen Zeit, die ich spürte (den Kriegslärm, das Brummen der Flugzeuge, die Schreie, die Angst) in meiner täglichen Umgebung, in meinen Nächten, in deinen Äußerungen, in deiner Haltung mir gegenüber ließen Gefühle oder vage Bilder in mir hochkommen und schienen mich in eine bestimmte Richtung zu treiben, die ich nicht zu erklären vermochte: meinen deutschen Vater wieder zu finden. Ich habe ihn immer

kennen lernen wollen, ich wollte immer wissen, wer er war über den Begriff "verdammter Boche" hinaus; dieser Vater, in dessen Arme ich mich hätte schmiegen wollen, um mich trösten zu lassen und innere Ruhe zu finden.

 

 

                                  62

 

EPILOG

 

SCHREIBEN HEISST EXISTIEREN

 

Meine Rückkehr zu den Ursprüngen

 

Es wird Zeit, die letzte Version meiner Geburt zu schreiben, die mir erlauben wird, dir zu verzeihen. Du bist im März 1943 freiwillig nach Deutschland arbeiten gegangen. Dieses unglaubliche Abenteuer, das du und ich durch dich erlebt haben, hat uns beide in eine Welt des Wahnsinns, der Extreme und der Paradoxe geworfen.

 

August 2009

 

Mit all den Informationen, die ich jetzt habe kann ich nun nach Klietz zurückkehren, um den Ort meiner Geburt zu entdecken. Meine Geschichte nimmt nun endlich Gestalt an  und ich werde wie jedermann meine Ursprünge kennenlernen können.  Wird die Stadt Klietz mir endlich Gewissheit geben, wer wirklich mein Vater war? Lebt er noch, ist er bei Kriegsende gestorben, wurde er deportiert?  Warum war er bei meiner Geburt nicht anwesend und warum ist er auf meiner Geburtsurkunde nicht erwähnt? Aber mir scheint, diese letzten Enthüllungen nach all der Zeit nicht mehr zu realisieren sein werden.

 

 

                                     63

 

KLIETZ : DIE REISE

 

18. AUGUST 2009

 

Der Ausgangspunkt

 

Wir haben 800 km zurückgelegt, als plötzlich mein Herz wie wild zu klopfen anfängt. Die ersten Schilder zeigen die Richtung nach Klietz an. Es ist ungefähr 16.45 Uhr  als auf einmal eine riesige, gigantische, majestätische Brücke in Sicht kommt.  Sie überspannt die Elbe.

Wir erfahren später, dass sie die Alte Elbbrücke ersetzt, die bei Kriegsende zerstört wurde und die die Stadt Tangermünde, wo die amerikanischen Truppen stationiert waren, mit der Stadt Fischheck verbindet, wo die deutsche Armee vor der Ankunft der russischen Truppen gelegen hatte. Über diese Brücke war die Bevölkerung der Region Stendal (Klietz, Sandau, Havelberg, Fischbeck, Kamern, Schönefeld, Wulkau,  Wust und Schönhausen damals weggezogen.

 

Klietz

 

Die Hinweisschilder und das Ortsschild der Stadt Klietz erscheinen auf gelbem Grund. Die etwas ermüdende Straße erscheint mir plötzlich unkomplizierter, leichter, und nicht mehr wichtig. Wir sind fast am Ziel. Die letzten zehn noch vor uns liegenden Kilometer erscheinen uns schrecklich lang.

Wunderbar sind am Ende dieser Fahrt diese immensen Wälder auf beiden Seiten der Straße Richtung Klietz.  Am Ende dieser langen Linie, nach

 

                                     64

 

einer Kurve, zeigt uns ein Ortsschild die Einfahrt in die Stadt an. Meine Gefühle überschlagen sich. Endlich bin ich in der Stadt, in der ich geboren wurde,  Es gibt sie also, im Gegensatz zu den Äußerungen von Germaine, die mir gesagt hatte, dass  sie unter einem Bombenhagel völlig zerstört worden war. Ich werde also die Wahrheit erfahren können, Ich bin so gespannt. Wir legen die wenigen hundert Meter nach dem Ortseingang zurück. Eine

erste Schwierigkeit taucht auf, ich suche verzweifelt das Rathaus wo ich mit Herrn Jürgen Masch, verabredet bin, In einer etwas  abgehackten Sprache bittet uns ein Einwohner, ihm im Auto zu folgen bis

zu einer Frau Masch, etwa einen Kilometer von der Stadt entfernt, weil er denkt,  dass  sie es ist, die wir suchen. Nach einigen Erklärungen stellt sich

heraus, dass sie nichts mit dem Bürgermeister zu tun hat Das ist nicht weiter schlimm, sie bietet sich an, uns zum Rathaus zu bringen. Sie gibt uns zu verstehen,  dass wir ihr folgen sollen und fährt mit dem Fahrrad voraus. Neues Problem. die Zeit des Termins mit dem Bürgermeister ist längst überschritten. Mein deutscher Briefpartner, ein Französischlehrer in Havelberg, Torsten Petzold, der sich auch um uns kümmern soll, erklärt mir am Telefon, dass der Termin um 15 Uhr und nicht um 17 Uhr war. Enttäuscht durch diesen Zwischenfall und mein Nichtverstehen, muss ich einen neuen Termin für morgen ins Auge fassen. Aber da ist die Hartnäckigkeit der reizenden Dame mit dem Fahrrad, die, als sie meinen Kummer sieht, mir vorschlägt, mit meinem Handy meinen Briefpartner Torsten anzurufen, um doch noch den Klietzer Bürgermeister zu finden,  der angesichts der

 

                               65

 

Umstände einverstanden ist, uns doch noch zu empfangen.

 

Der Klietzer Bürgermeister

 

Nach dem Austausch erster Höflichkeiten empfängt uns Herr Jürgen Masch, Bürgermeister von Klietz im großen Sitzungssaal und erklärt, dass alle Archive und andere Dokumente zu meiner Verfügung stehen. Kurze Zeit später stößt Torsten dazu, und die Diskussion läuft viel besser. Ich nutze die Zeit, eine Menge Archivdokumente aus der Zeit von 1943 bis Mai 1945 zu fotografieren. Ich finde dabei heraus, dass die standesamtlichen Archive in der Verwaltungsregion Sandau an der Elbe sind und dass sich Frau Ramona Bengsch um die historischen Nachforschungen kümmert. Ich bin ein bisschen enttäuscht, nicht sofort die Archive zu meiner Gehurt einsehen zu können. Aber Torsten macht uns klar, dass er bereits für den nächsten Vormittag einen Termin mit dieser zuständigen Person ausgemacht hat.

 

Erster Abend in Klietz

 

Auf diese gute Nachricht hin schlägt uns Herr Masch vor, zusammen bei seiner Freundin Elke, die den Gasthof in Klietz führt, zu Abend zu essen.  Der Abend verläuft traumhaft.  Ich schwebe auf einer Wolke... Endlich bin ich in Klietz! Einige Stunden später nimmt uns Torsten mit nach Havelberg in eine Familienpension,  wo er uns ein Zimmer bestellt hat. Nach einer unruhigen Nacht, in der

 

                                  66

 

mir so viele Dinge im Kopf  herumgehen bin ich früh morgens bereit, das Wichtigste zu entdecken.

 

19. AUGUST 2009

 

Meine Geburtsurkunde

 

Nur wenige Kilometer liegen zwischen Havelberg und Sandau. Nach kurzer Suche in diesem Verwaltungsgebäude treffe ich Frau Ramona Bengsch. Der Kontakt mit ihr ist sehr angenehm und voller Fürsorglichkeit. Diese Dame strahlt viel Verständnis, Sanftheit und Mitgefühl mir gegenüber aus.

Nachdem sie aufmerksam meine durch Torsten vermittelten Anfragen angehört hat, legt sie mir ein sehr großes Geburtsregister vor, in das mit der Feder  in sehr schöner Schrift alle Geburten des Jahres 1945 eingetragen sind. Als Geburt Nr. 35 lese ich voller Freude, dass ich tatsächlich am 17.April 1945, um 4 Uhr 20 unter dem Vornamen Armand von einer Mutter, die sich Germaine Lesage nannte, geboren wurde. Ich bin tatsächlich in der Klinik von Klietz geboren, die sich in einem der 900 Bunker befand, die zur Wehrmachtskommandantur gehörten, die die Waffenfabrik bewachte. In der für den Namen des Vaters vorgesehenen Rubrik ist nichts vermerkt. Man muss dazu sagen, dass in dieser Zeit der Name eines deutschen Soldaten, der mit einer Zwangsarbeiterin ein längeres Verhältnis hatte, nicht erscheinen durfte. Wenn aus so einer Beziehung ein Kind geboren wurde, sollte  nach der Direktive von Himmler, absolutes Stillschweigen darüber bewahrt werden.

 

                                  67

 

Frau Ramona Bengsch erklärt mir, dass der Name erscheinen würde, wenn der Vater Franzose gewesen wäre. Der Beweis ist hiermit erbracht, dass mein Vater wirklich ein deutscher Offizier war, von dem meine Großeltern gesprochen hatten, als ich klein war. Leider werde ich nichts über seine Identität erfahren. In diesem Moment erinnere ich mich an die Worte meiner Großeltern, als sie sagten" mach dir nichts draus, dein Vater (Eugéne) ist nicht dein Vater, du bist der Sohn eines deutschen Offiziers." Beim Lesen meiner Geburtsurkunde kommen mir die Tränen, mein Herz klopft wie verrückt Der Kummer, die Trauer dieser ganzen mit Lügen verbrachten Zeit mischt sich mit ungeheurer Freude, meine Wurzeln wiedergefunden zu haben. Ich bin wirklich der Sohn dieses deutschen Offiziers. Ich bin nicht Eugenes Sohn, der mich meine ganze Kindheit lang geschlagen und als Sohn des verdammten  „Boche“  beschimpft hat.

 

Die Geburtsurkunde : das Original

 

Während Torsten Frau Bengsch die Umstände meiner Lebensgeschichte erklärt, das Ausgesetztwerden durch meine Mutter unter einem Baum während der Rückkehr im April 1945, auf dem Marsch durch die deutschen Wälder, um nach Frankreich zurückzukehren, finde ich auf dem Original meiner Geburtsurkunde wieder, was mir schon erklärt worden war, dass nämlich Herr Walter Lange (Angestellter in der Klietzer Klinik im April 1945) am 3. September 1945 meine Geburt unter der Nr. 35/1945 übertragen hatte.

Es war der, der meine Geburt festgestellt hatte, den

 

                                   68

 

Namen meiner Mutter, Germaine Lesage, meinen Vornamen Armand oder Hermann in Deutsch eingetragen hatte. Diese Geburt war um 4 Uhr 20 erfolgt (und nicht um 16 Uhr 15) sie fand im Lazarett des Militärbunkers statt. Ich bin also nicht in einem Zufallsasyl geboren worden, und meine Geburt fand also nicht ohne Zeugen statt wie es auf meiner französischen Anerkennungsurkunde vom März 1946 vermerkt ist.

Ich habe eine wirkliche deutsche Identität unter dem Namen Armand Lesage, ich bin dadurch tatsächlich deutscher Abstammung (übrigens von einer Mutter, deren französische Identität nicht erwähnt ist). Nachdem ich diese Geburtsurkunde immer wieder gelesen habe, die aus mir einen Deutschen macht, findet mein Geist so allmählich in die Realität der Gegenwart zurück. Man sieht mir die Emotion an, und Pascale legt mir sanft ihre Hand auf die Schulter, um mir zu zeigen, dass sie fest zu mir steht in diesen außergewöhnlichen Augenblicken. Sie gibt mir enorme Unterstützung und Erleichterung in diesem Kummer, der trotz allem über mich kommt.

Auf einmal verstehe ich, dass mich Germaine in Frankreich nicht unter einer anderen Identität als der von Marcel Lesage anmelden konnte, denn sie war ja noch mit ihm verheiratet. Vielleicht ist das eine der Erklärungen für mein Fehlen auf den Verwaltungspapieren bei ihrer Rückkehr am Deutschland. Denn danach  ich war also niemandes Kind, ohne Vater, ohne Mutter.

Nach diesen Gedanken kann ich meine Tränen nicht zurückhalten. Ich schaue um mich um und sehe, dass alle meine Gefühle verstehen.

 

                                   69

 

Nach den Erklärungen von Torsten zu meinem Leben, meinen Wünschen, meinen Erwartungen, meine Wurzeln wiederzufinden, kann Frau Bengsch ihre Emotion nicht mehr verbergen. Die Augen voller Tränen steht sie da und gibt mir zu verstehen wie glücklich sie ist, zu meinem Glück über diese Entdeckung beitragen zu können. Ich fühle bei ihr die Zärtlichkeit einer Mutter, was mich aufrichtet, Mein Herz zieht sich noch mehr zusammen, so dass ich gar nichts mehr sagen kann, Frau Bengsch gibt mir dann einige Fotokopien meiner Geburtsurkunde, die sie vorbereitet hatte. Ich nutze die Zeit, noch ein paar Fotos zu machen.

Und dann kommt der Augenblick des Abschieds, Frau Bengsch drückt mich fest an ihr Herz, Ich wäre so gerne noch viel länger bei dieser Dame geblieben, um sie nach mehr Details zu fragen, aber ich konnte nicht mehr erfahren. Weitere Termine standen bevor. Ich muss noch andere Details, andere Ereignisse dieser Zeit herausfinden.  Mein Hunger nach Nachforschungen ist unstillbar.

Ich will alles wissen, alles herausfinden und alles verstehen. Als ich Sandau und seine Verwaltung verlasse, weiß ich, dass ich nicht mehr dieser

Unbekannte bin, der erst im März 1946 begonnen hat zu existieren, nach meiner Anerkennung durch den, der in bestimmter Weise für viele Jahre meiner Jugend mein Peiniger sein wird.

 

So viel Verständnis und Mitgefühl

 

Die Freundlichkeit all derer, denen ich auf meinem Weg in Deutschland begegnet bin, ist einfach außergewöhnlich und überraschend.

 

                               70

 

So viel Verständnis und Mitgefühl berühren mich tief und überwältigen mich zugleich. Alles zieht mich zu dieser Zuneigung, die mir alle entgegen bringen. Ich habe Lust, es der ganzen Welt herauszuschreien wie glücklich ich bin über diese unsagbare Freude, die einem die größten Schwierigkeiten überwinden, Berge versetzen lässt, Ich stelle mir meine Rückkehr nach Frankreich vor, um all die wiederzutreffen, die  auf mich warten und die ich liebe. Welche Freude, sie bald an meinen Entdeckungen teilnehmen zu lassen und ihnen meine Gefühle weiterzuleben. Ich habe meine echte Geburtsurkunde!

 

Klietz entdecken

 

Den restlichen Tag verbringen wir damit, Klietz und seine Umgebung zu entdecken. Wir schauen uns die wenigen Häuser aus der Zeit an, die alte restaurierte Mühle, den imposanten See, wo sich die Baracken der Gefangenen befanden. Wir durchqueren einen Teil dieses Waldes von 3500 Hektar, wo die Waffenfabrik war und der inzwischen eine wichtige deutsche Panzereinheit beherbergt. Ab jetzt ist diese Stadt Klietz meine Stadt. Morgen  hoffe ich andere Elemente zu finden, die Aufschluss über die Lebensbedingungen zwischen 1943 bis 1945 geben können.

 

 

 

                                       71

 

20. AUGUST 2009

 

Erster Kontakt: auf der Suche

nach den Umständen

 

Es ist 11 Uhr morgens, wir klingeln kurz an der Tür dieses hübschen Bauernhofes und der Sohn von Frau  Berendt, Carsten,  empfängt uns mit einem breiten Lächeln und den Augen voller Schalk.  Er führt uns ins Wohnzimmer, wo uns Frau Berendt erwartet. Nachdem wir es uns bequem gemacht haben, erklärt Torsten das Wesentliche zu meinem Besuch in Deutschland.  Ihr Lächeln hellt sich noch mehr auf.  Stolz zeigt sie uns ein wunderbares Fotoalbum, wo alles zu finden ist, was die Ereignisse von 1943-1945 betrifft. Sie erklärt uns, dass sie zu dieser Zeit 12 Jahre alt war. Sie gibt mehrere Anekdoten mit den französischen Gefangenen zum Besten, die auf dem Bauernhof arbeiteten. Sie berichtet uns von dem formellen Verbot, mit den Zwangsarbeitern der Fabrik Umgang zu haben... Zwischendurch hört sie auf zu sprechen, um sich wieder neu zu konzentrieren.

 

Die Nostalgie für diese Zeit

 

Man sieht in ihren glänzenden Augen wie eine gewisse Nostalgie für diese Zeit kurz mit schwebt. Sie ist durch meine Fragen dabei, angenehme Augenblicke ihrer Jugendzeit nachzuleben, aber auch traurige Momente. Ihre Augen verdunkeln sich, als sie den Abzug der Franzosen zum ersten Durchgangslager Richtung Frankreich erwähnt. Mit viel Herz erklärt sie uns, dass im Laufe der Monate und

 

                                  72

 

Jahre viele Freundschaften geknüpft worden waren. Die Trennung war für bestimmte Personen eine heftige Wunde, die lange nicht verheilte.

 

Das Tagebuch

 

Stolz zeigt sie uns das kleine Tagebuch, das sie fein säuberlich all die Kriegsjahre hindurch geführt hatte, indem sie dort ihre Freuden und ihren Kummer festgehalten hat. Sie lässt uns an all diesen Gefühlen mit viel Zartgefühl und Innigkeit Anteil nehmen. Sie erwähnt einige Briefe, die sie lange nach dem Krieg aus Frankreich erhalten hat. Ich ahne bei ihr tiefes Bedauern.

 

Das erste Rückkehrerlager in Schönhausen

 

Es hagelt Fragen  und sie antwortet voller Verständnis. Sie erzählt uns von der Waffenfabrik unter militärischer Bewachung, von den Baracken, in denen die Gefangenen wohnten. Es gab welche für Männer (etwa 1500 Gefangene) und welche für Frauen, die etwas abseits standen (etwa 800 Gefangene), alle um den See herum gruppiert. Und auf einmal erzählt sie uns von diesen drei französischen Soldaten.

Ihr Gesicht verdunkelt sich, als sie wieder diesen Abzug vom 3. Juni 1945 erwähnt: "Hier steht's in meinem Tagebuch! " sagt sie. Sie sind nach Schönhausen gezogen, bevor sie am 8. Juni 1945 mit dem Flugzeug nach Dessau und weiter nach Paris flogen.

 

 

                                    73

 

Der Exodus von April-Mai 1945

 

Das Gespräch entwickelt sich, und ich spreche die Fabrik und die Gefangenen an. Was ist aus ihnen geworden? Wurde die Fabrik bombardiert? Nein, sagt sie mir, der einzige Bombenangriff, den Klietz erlebt hat, kam von einem Artilleriefeuer am 20 April 1945 auf die Vororte von Klietz nach  Pro-Nazi- Demonstration, die den Geburtstag Hitlers feiern wollte... Von diesem Moment an begann die Flucht, der massive Exodus der Bevölkerung, setzt sie hinzu.

 

Die Flucht

 

Im Laufe dieser Erwähnung durch Frau Berendt geht meine Fantasie mit mir durch, denn Germaine war wahrscheinlich bei alldem dabei. Du hast aus Deutschland fliehen wollen, ohne jemandem irgend  etwas zu sagen, vor allem nicht den deutschen Behörden. Vielleicht hast du nicht einmal meinen wahren Vater verständigt. Wie alle anderen wolltest du über Fischbeck, bei Tangermünde über die Elbe zu den Amerikanern stoßen.

 

Erwähnung des ersten Aussetzens

 

Wie die meisten Gefangenen durchquerst du mehrere Wälder zu Fuß (und nicht alle Wälder Deutschlands sind bis zum Grenzposten mit Nordfrankreich etwa 900 km weit entfernt). Du kommst in Fischbeck am Ufer der Elbe an, um die einzige noch intakte Brücke, so scheint es, zu überqueren, um zu den amerikanischen Truppen zu gelangen.

 

                                  74

 

Aber unglücklicherweise ist diese Brücke, die Fischbeck mit Tangermünde verbindet, am 12. April 1945 zerstört worden. Egal, du musst um jeden Preis die alliierten Truppen erreichen. Du hast Angst um dein Leben, du hast ein deutsches Kind in den Armen. Aber bevor du etwa 20 Kilometer von Klietz entfernt die Elbe überquerst, setzt du mich unter einem  Baum aus oder man zwingt dich vielleicht, mich zurückzulassen. Du hast Angst, du schiebst mich ab. Dein neuer Reisegefährte Eugéne, der dich auf dieser letzten Etappe begleitet, wird mich viel später wieder zurückholen, ich wage zu hoffen, auf deine Bitte hin.

 

Die alte Brücke ist zerstört

Und du tust also das, was eine ganze bunt zusammengewürfelte Bevölkerung tut (Zivilisten  und  deutsche Soldaten), versuchen zu fliehen, diesen zerstörten Punkt in die Freiheit zu überwinden, in dem du, so gut es geht, versuchst voranzukommen. Manche werden dabei ihr Leben lassen, die, die die Elbe schwimmend überqueren wollten und die, die von der Brücke gestürzt sind. Und so bist du zwei Monate später nach Frankreich über das Aufnahmelager Nancy zurückgekehrt. Mit einem Lügengespinst baust du eine Wahrheit auf, die dich beruhigt. Niemand darf es je erfahren und schon gar nicht ich, dein Sohn.  Du bist davon überzeugt, dass du in Deutschland keine Zukunft hättest, und du bist also nicht einmal meine Mutter, weil du mich nicht hast anerkennen wollen. Das erklärt den mich betreffenden Vermerk, der auf dem Wiedereinbürgerungsdokument vom 3.6.1945 durchgestrichen wurde.

 

                                      75

 

Die russischen Soldaten

 

Und auf einmal, wie eine kurze Rückreise in die leidvollen Ereignisse, die sie als Jugendliche erlebt hat, weckt mich Frau Berendt aus der Benommenheit, die sich meiner bemächtigt. Sie erzählt uns ein sehr wichtiges Detail, das ihre Mutter und einen der französischen Gefangenen auf dem Hof betrifft.

"Es war am 5. Mai 1945“  sagt sie, "und die Russen kamen und haben die polnischen Soldaten ersetzt. Sie suchten Schmuck, Gold und vor allem Uhren. Einer von ihnen kam drohend auf meine Mutter zu“,  sagt sie, noch erschüttert von diesem heraufbeschworenen Moment. „Er fragt sie, wo sie ihre Uhr versteckt habe. Laut schreiend sagt er zu ihr: Wenn du sie mir nicht gibst, bringe ich dich um! " Und da, zu aller Überraschung, legt einer der französischen Soldaten den Arm um die Schulter meiner Mutter und schreit dem russischen Soldaten entgegen, dies sei seine Frau". Die Franzosen wurden von der russischen Armee respektiert... Der Betreffende machte eine beruhigende Geste in Richtung meiner Mutter und gab so zu verstehen, dass er diese Situation akzeptierte und dass er ihr nichts antun würde“.

Für Frau Berendt sind die Jahre vergangen, aber die Erinnerungen bringen ihr starken Schmerz zurück, der schnell durch meine Gegenwart unterdrückt wird. Endlich wieder ein Franzose, sagt sie zu mir mit einem Blick voller Zärtlichkeit. All die Erinnerungen, diese ganze Zeit kommen ihr mit einem Schlag wieder zu Bewusstsein, Sie kann gar nicht mehr mit dem Thema aufhören. Sie zeigt uns einige der Briefe der französischen Gefangenen und  setzt

 

                                76

 

hinzu: "Ich lese sie immer wieder, um nie zu vergessen,"

Auf diesen Austausch hin und nachdem wir ganz klar den Auszug der ganzen Klietzer Bevölkerung besprochen haben, vereinbaren wir, dass wir uns bei ihr am Sonntag, dem 23. August mit zwei Freundinnen wiedertreffen, die auch Zeit miterlebt haben, insbesondere den Tag des 17. April 1945.

 

21. AUGUST 2009

 

Die neue Brücke

 

Wir nutzen diesen schönen sonnigen Augusttag, um noch einmal die besagte neue Brücke zu sehen, die die Elbe zwischen Fischbeck und Tangermünde überspannt.  Sie ist sehr eindrucksvoll in ihrer ganzen metallischen Schönheit. Wir fahren langsam darüber und beobachten genau, die Verbindung, die sie so zwischen den beiden Städten herstellt. Auf dem Rückweg verschlingen wir die Landschaft mit den Augen mit ihren riesigen einladenden Wäldern. Die Bäume, die wir auf der ganzen Fahrt sehen, kommen uns riesig vor.

 

Der Flussfisch

 

Auf unserem Rückweg zeigen uns wieder diese großen gelben Schilder die Nähe von Klietz an, Torsten erwartet uns und informiert uns über den Termin am nächsten Tag.  Nach einem sehr angenehmen Abend in einem kleinen Gasthaus, wo vor allem Flussfisch serviert wird, genießen wir ein köstliches Abendessen, zubereitet von einem

 

                                   77

 

berühmten Küchenchef. Während des Essens sprechen wir mit Torsten noch einmal über all unsere Entdeckungen und unseren Termin am nächsten Tag. Etwas müde, aber  zufrieden, kehren wir nach Havelberg zurück.

 

22. AUGUST 2009

 

Heinz Kiehnscherf, ehemaliger Soldat,

 

Es ist ungefähr 11 Uhr  als wir in diesem hübschen Haus neben dem Feuerwehrhaus die Bekanntschaft von Herrn Heinz Kiehnscherf mit seinem erwachsenen Sohn Michael machen. Ganz vorsichtig steigen wir die Treppe in den ersten Stock empor, die zu Heinz Zimmer, in sein persönliches Reich führt. Sehr schnell kommen wir ins Gespräch über die Kriegszeit 1939-45. Ehemaliger Soldat, jetzt 87 Jahre alt beschwört er vor allem, das Jahr 1941 herauf; das Jahr, in dem er sein rechtes Bein an der russischen Front im Kaukasus verlor. Unaufdringlich erklärt er uns sein militärisches Leben und die schreckliche Zeit des Russlandfeldzugs, Er spricht über seine Rückkehr im Oktober 1944, nachdem er drei Jahre in verschiedenen Krankenhäusern verbracht hatte, um sein Bein behandeln zu lassen. Das Bauingenieurstudium, das er nach dem Krieg absolviert hat, erlaubt ihm, in Klietz als Bautechniker angestellt zu werden. Bevor er uns von diesem besagten 20. April 1945 berichtet, an dem der amerikanische Artilleriebeschuss von der anderen Seite der Elbe Klietz getroffen hat, macht er uns klar, dass zu dieser Zeit auch die Offizierskasernen am See lagen, nahe bei der Waffenfabrik.

 

                                78

 

Die Gefangenenunterkiinfte

 

Meine Fragen zu den Qffiziers- und Gefangenenunterkünften werden immer drängender und präziser. Er versteht genau den Sinn meiner Fragen und das Ziel, das ich verfolge - den Namen des Offiziers herauszufinden, der mein Vater war. Er bestätigt mir das, was ich schon von Frau  Berendt wusste, dass die Männer und Frauen in getrennten Baracken wohnten, ziemlich nahe beim Lager. Nach Herrn Kiehnscherf, muss Germaine, wenn sie Umgang mit einem Offizier gehabt hat, was mehr als wahrscheinlich ist, in einer der Einzelhäuser gewohnt haben, die speziell den Offizieren zugeteilt waren.

 

Der Anfang des Exodus (Mahlitz oder Fischbeck)

 

Nachdem ich vom Tag meiner Geburt gesprochen habe, der bei ihm keinerlei Erinnerung an ein besonderes militärisches Ereignis hervorruft, möchte er von diesem besagten 20. April 1945 sprechen, als die Militärparade stattfand. Nachdem er die Aussagen von Frau Berendt bestätigt hat, weist er uns darauf hin, dass die amerikanische Luftwaffe den Westsektor von Klietz bombardiert hat. Die Waffenfabrik war nicht betroffen. In diesem Moment fügt Heinz diskret hinzu, dass die Amerikaner die Waffenfabrik nicht zerstören wollten, weil sie daran ein finanzielles Interesse hatten. Das hieß für ihn den Beginn des Exodus.  Die Bevölkerung zog in Richtung der Amerikaner über Fischbeck und Mahlitz, quer durch die Felder auf die Polen zu. Er nutzt den Moment, um uns daran zu erinnern,

 

                                79

 

dass sich die amerikanischen und die russischen Truppen am 25. April 1945 bei Torgau auf einer Elbbrücke zusammengefunden haben.

 

Klietz, 5. Mai 1945

 

Die deutschen Truppen haben gekämpft, um Klietz bis zum 5, Mai 1945 zu verteidigen, zusammen mit den Militärs, die die Waffenfabrik bewachten, Aber schließlich gewinnen die polnischen Truppen den Zusammenstoß mit der deutschen Wehrmacht, präzisiert er. Die russischen Truppen ersetzten die polnischen und schreiben sich zu Unrecht den Sieg und die Befreiung von Klietz zu. Vor Schmerz über die wiederaufgelebte Leidenszeit zusammengesunken, führt er weiter aus, dass die Russen in dem ganzen Sektor viele Plünderungen, Vergewaltigungen und Massentötungen begangen haben und dass eine größere Anzahl Soldaten und vor allem Offiziere nach Sibirien verschleppt wurde.

 

Das Militärlazarett

 

Heinz erzählt dann vom Militärlazarett, das sich in einem der 900 Bunker der unterirdischen Waffenfabrik befand. Dieses Lazarett wurde von zahlreichen Ärzten und medizinischem Personal geleitet. Sie wurden alle als Gefangene nach Sibirien verschleppt, außer Dr. Reiser (Geburtshelfer), der sich um die Pflege vieler Kriegsverletzter aus den letzten Gefechten kümmerte.  Herr Walter Lange, präzisiert er, war noch als einer der wenigen Angestellten im Lazarett übrig geblieben. Er war es, der meine Geburt in sein Heft eingetragen hat,

 

                                 80

 

so wie drei andere Geburten dieser Zeit.

Vor dem Abschluss des Gesprächs mit Heinz brennt mir noch eine letzte Frage auf den Lippen, die Eugenes Verwendung als Dolmetscher am Ende des Krieges 1944/45 betrifft. Von dieser Verwendung hat mir Eugene selbst öfter während meiner Kindheit  berichtet.  Heinz erklärt, dass dies durchaus möglich war, weil Germaine eine privilegierte Beziehung mit einem der Soldaten gehabt haben muss, die in der Garnison dieser Fabrik Dienst taten. Die Stelle eines Dolmetschers war sehr begehrt zu dieser Zeit, erläutert er uns.

 

Die Freude in Heinz Gesicht

 

Und dann erscheint ein Lächeln der Erleichterung auf seinem Gesicht. Er ist so froh, uns so gut er konnte Auskünfte über diese schmerzliche Vergangenheit gegeben zu haben, die ihm und mir noch so nah vorkommt.

Er ist gerne bereit, ein paar Fotos machen zu lassen, und zum zweiten Mal fallen wir uns in die Arme und wünschen uns gegenseitig Glück, als ob diese Verbundenheit, die gerade entstanden ist, nie mehr aufhören sollte. Seine Augen glänzen vor lauter zurück gehaltener Emotion, und unser Abschied wird so gleichzeitig schmerzhaft, überwältigend und erdrückend.

 

Starke Emotion und Traurigkeit

 

Ein letzter Blick zurück, um diesen Augenblick der starken Emotion festzuhalten, und unser Auto verschwindet in Richtung Klietzer Stadtmitte.

 

                               81

 

Die Stille, die sich im Auto ausbreitet, ist einige Minuten lang schwer zu ertragen, Aber das Bedürfnis, meine Herkunft zu kennen oder wenigstens einiges darüber zu vervollständigen, wird wieder spürbar in mir, und ich muss diesen Weg weitergehen, auf den ich mich eingelassen habe. . Ich muss noch andere Elemente über diese Zeit finden.

 

22. AUGUST 2009 – Nachmittag

 

Auf der Suche nach der Alten Brücke

 

Wir nutzen den Nachmittag ohne Termine, um genauer nach der Alten Brücke zu suchen. Wir verlassen Klietz Richtung Fischbeck, eine Stadt in der Nähe von Tangermünde, auf der anderen Elbeseite.

 

Erste Methode,

um nach Frankreich heimzukehren

 

Wir durchqueren Schönhausen, da wo das erste Heimkehrerlager für die französischen Gefangenen war. Auf einem Umweg und völlig unerwartet erblicken wir beim Verlassen der Stadtmitte, rechts von uns ordentlich aufgereihte alte Gebäude. Diese ziemlich flachen Gebäude werden von mehreren Abzugsöffnungen überragt, die für die Belüftung der Baracken gesorgt hatten. Die Baracken sind jeweils etwa 50 m lang. Alte grau-schwarze Holztüren verschließen diese Gebäude.  Meine Fantasie geht vor all vor diesen Baracken mit mir durch, und ich stelle mir vor, dass eine große Menschenmenge hier vor dem Wegzug nach Dessau gelebt hat, um dann später in ein Flugzeug in Richtung Paris zu

 

                                82

 

steigen. Von der Straße aus sehen wir, dass noch etwa zehn Baracken stehen, die heute einen großen landwirtschaftlichen Betrieb beherbergen. Was uns von Frau Berendt und ihren Freundinnen bestätigt worden war, ist, dass wenn diese Gebäude diesem Lager entsprechen (was wir keineswegs sicher wissen), dann war für die Gefangenen eine Rückkehr nach Paris die einzige Möglichkeit. Nachdem wir einige Fotos gemacht haben, fahren wir nach Fischbeck weiter.

 

Zweite Methode,

um nach Frankreich heimzukehren

 

Nachdem wir ein zweites Mal die Neue Brücke überquert haben, fahren wir diesmal in die Stadtmitte von Tangermünde.  Es ist eine sehr hübsche und bedeutende Stadt auf dem linken  Elbufer gelegen, genau gegenüber von Fischbeck. Trotz unserer aufmerksamen Suche finden wir keinerlei Spuren der Alten Brücke, die am 12. April 1945 von den amerikanischen Truppen zerstört wurde. Wir dringen weiter in die Innenstadt vor und suchen links vergeblich einen Hinweis, der uns zu dieser Brücke führen könnte.

 

Marion und die Elbe

 

Wir steigen aus dem Auto aus, um uns das rechte Elbufer anzusehen, als uns in demselben Augenblick das Glück schon wieder hold ist. Die kleinen Straßen, die wir entdecken, führen uns in die Richtung des Flusses, so glauben wir. Da schaut eine relativ alte Frau aus einem Fenster auf den

 

                           83

 

Bürgersteig, wo wir parken,  Frau Marion Kroll. Sie gibt uns bereitwillig Auskünfte und bietet sich an, uns an die Stelle zu führen, wo früher die zerstörte "Alte Brücke" war. Den ganzen Weg, den wir mit ihr ziemlich langsam zurücklegen, erzählt sie uns, dass sie den Exodus der ganzen Bevölkerung, die in Richtung der amerikanischen  Truppen floh, miterlebt hat. Von einer kleinen Gasse aus entdecken wir den gigantischen Fluss. Ohne uns dessen bewusst zu werden, fasziniert von diesem Anblick, kommen wir gegenüber von Fischbeck am Flussufer an.

Marion zeigt uns, dass der Brückenpfeiler der Alten Brücke sich ungefähr hier befunden hatte, gegenüber der Kirche von Fischbeck und der Kirche von Tangermünde. Die Elbe kommt uns sehr schön und majestätisch vor in ihrer nachtschwarzen, traurigen Färbung, und das wohl aus dieser tiefen Nostalgie heraus, die uns umfängt in Erinnerung an diese dramatische Zeit.

 

1945 an den Ufern der Elbe in Tangermünde

 

Sie war damals etwa 15 Jahre alt, als die Brücke zerstört wurde, erzählt sie uns. Mit vielen Details erzählt uns nun Marion die Geschichte all der Unglücklichen, die versucht hatten, die zerstörte Brücke von Fischbeck kommend zu überwinden. Männer, Frauen, Kinder, Säuglinge, Junge und Alte, Zivilisten und Soldaten versuchten verzweifelt, diese schiefe Brücke zu erklimmen, die nur an einigen Stellen wie durch ein Wunder noch standhielt. Ganz verstört durch ihre Schilderungen beschreibt sie uns den Anblick der Zivilisten, die am Ende

 

                                  84

 

ihrer Kräfte ins schwarzgraue, eisige Wasser fielen und wo diese verletzten oder toten Soldaten am Elbufer lagen.

 

Das Geburtsregister in Tangermünde

 

In dieser nicht enden wollenden Flut der Evakuierten befanden sich auch Mütter mit ihren Babys. Sie präzisiert, dass sie nach der Brückenüberquerung in Obhut genommen und in ein Gebäude gebracht wurden, das sie uns unbedingt zeigen will, weil es noch völlig intakt ist und in einen Wohnkomplex umgewandelt wurde. Sie erklärt weiter, dass die Mütter mit ihren Babys sich normalerweise bei ihrer Ankunft in Tangermünde registrieren ließen, entweder im evangelischen Geburtsregister für die Protestanten oder bei der katholischen Kirche. Um diese Aussagen zu bestätigen, nimmt uns Marion zu einer Freundin mit, die zu dieser Zeit Krankenschwester war und die sich sehr gut an diese peniblen Ereignisse erinnert.  Meine Fragen werden drängender um Auskünfte über Germaine zu bekommen... Wir werden uns klar darüber, dass unser Freund Torsten als Dolmetscher hier so wichtig gewesen wäre… Trotzdem ist die Freundlichkeit von Marion und ihrer Freundin, durch die wir die Wahrheit erfahren, sehr bewegend. Wahrscheinlich so nah am Ziel zu sein und doch nicht die letzten Informationen über unsere Rückkehr zu bekommen, belastet mich. Vielleicht erfahren wir es noch später, denn unsere Reise ist noch nicht zu Ende.

Aber da sie, was mich betrifft, einen anderen Ablauf vermutet, sagt sie uns, dass manche Personen sich nicht haben registrieren lassen, wahrscheinlich

 

                                   85

 

aus Gründen und unter Umständen, die ihnen schaden könnten. Danach beschäftigten sich die betroffenen Gruppen mit ihrer Rückkehr nach Frankreich ins Aufnahmelager Nr. 39, das sich in Nancy befand.

 

Pastor Richard Ferner

 

Mit großer Freude und voller Emotion entdecken wir in der beginnenden Dämmerung die Stadt Tangermünde, die sich auf der anderen Seite der Elbe abzeichnet.  Auf dieser Seite erscheint uns der Fluss dunkel und aufgewühlt, als ob er uns an die dramatischen Tage des Exodus erinnern wollte. Wir schaudern bei dem Gedanken, diesen Fluss schwimmend unter den uns bekannten Umständen zu überqueren.

Die Minuten, die wir an dieser Stelle verbringen, kommen uns schrecklich lang vor, und viele schreckliche Bilder kommen uns in den Sinn und lassen uns erschauern beider Vorstellung dieses furchtbaren Marschs, den die ganze Bevölkerung zurücklegen musste auf der Suche nach Schutz und berechtigter Freiheit. Unsere von diesen Gedanken aufgestachelten Sinne vermitteln uns den Eindruck, als ob von weit immer noch Artilleriefeuer zu hören wäre. Aber Gott sei Dank ist es nur das Klopfen unserer Herzen, die sich bei dieser Vorstellung beschleunigen.

 

 

                                       86

 

Die amerikanischen Truppen

 

In Gedanken vertieft, die sich um diese Zeit um 1945 drehen, erahne ich das Verhalten von Germaine  und Eugéne, die nach der Überquerung der zerstörten Alten Brücke versucht haben, die amerikanischen Truppen zu erreichen. Wie viel Zeit haben sie wohl bei ihnen übergangsweise verbracht, bevor sie den französischen Truppen übergeben wurden ?  Eines ist sicher: ihre Ankunft in Nancy blieb nicht unbemerkt. Genau da findet man ihre Spur im Juni 1945 wieder dank der Gesundheitsakte der französischen Behörden.

Alle Heimkehrer, die über Nancy kommen, haben eine Gesundheitsakte mit der Nummer 39. Die Zahlenserie, die dieses Dokument vervollständigt, entspricht dem Datum der Ankunft des Gefangenen.  Für Eugene und Germaine kann man die eingetragene Nummer 39 03 06 5 lesen. Das bedeutet, dass sie in Nancy am 3.6.1945gemeldet worden waren.

Auf der Heimkehrerakte von Germaine ist "Freiwillige 5.3.43" vermerkt. Sie wird unter ihrem Mädchennamen Leténdart und auch unter ihrem Ehenamen Lesage, ehemals wohnhaft in Liévin, identifiziert. Der Vermerk "begleitet von einem zwei Monate alten Kind" ist mit der Hand komplett ausgestrichen und durch ein mit der Schreibmaschine geschriebenes „ohne" und durch einen Verweis auf die Gesundheitskarte ersetzt, ausgestellt vom damaligen Ministerium für Gefangene, Deponierte und Flüchtlinge, siehe Akte des Kriegsministeriums, Archivbüro der Opfer zeitgenössischer Konflikte in Caen.

 

                                    87

 

Mein innerer Blick geht zurück zu, meiner traurigen Rückkehr und ich frage mich wie und durch welche Organisation ich also aus Deutschland zurückgekommen bin. Es ist auch anzunehmen, dass sich Germaine nicht sofort im Amt für Heimkehrer gemeldet hat, um mich an Dritte zu übergeben, was trotz allem unmöglich schien. Oder ist es etwa Eugene gewesen, der sich um dieses sperrige Paket gekümmert hat, da er wusste, dass es bei ihm weniger Schwierigkeiten geben würdet für das Kind eine Erklärung zu finden als für dich. Was allerdings sehr wahrscheinlich scheint, ist, dass ihr von einem gewissen Entgegenkommen der zuständigen Person profitiert habt, die die Heimkehrerpapiere im Lager von Nancy ausfüllte. Sie hat euch wahrscheinlich empfohlen, das Kind nicht anzumelden. In Augenblicken der Verzweiflung, die Germaine ab ihrer Ankunft im Lager von Nancy sicher erlebt hat, muss das Verhalten von Eugene ihr und mir gegenüber wie ein wahrer Rettungsanker gewirkt haben. Aber eine noch überraschendere Tatsache ist, dass man auf Eugenes Akte keinerlei Vermerk über ein Kind findet, wohl aber "angeforderter Zivilist 14.2A3", ledig. Eure Haltung erklärt später die späte Abwicklung meiner Geburtsanmeldung beim französischen Standesamt. Die Umstände meiner Geburt werden total verschleiert, um Germaine gegen Repressalien zu schützen, die Anfang 1945 noch verbreitet waren.

 

Jürgen und Elke

 

Nachdem ich mich lange in diesen Gedanken verloren hatte, wird mir plötzlich wieder bewusst,

 

                                 88

 

wo ich mich befinde. Es wird jetzt dunkelt und wir müssen daran denken, nach Havelberg in unsere Unterkunft zurückzufahren. Wir nutzen die Gelegenheit, um ein letztes Mal Jürgen Masch, den Bürgermeister von Klietz im Restaurant seiner Freundin Elke zu treffen. Das Gespräch  über die neuen Elemente, die ich über meine Geburt und ihre Begleitumstände erfahren habe ist in vollem Gange. Der Abend ist sehr angenehm, und wir beschließen den Abend beim Tanz der Feuerwehr von Klietz.

 

„Du bist ein Klietzer!“

 

Bevor wir auseinandergehen, stehen uns allen die Tränen in den Augen, und Jürgens letzte Worte sind für mich die Quelle einer immensen Freude. Er hat mich bei den Schultern genommen und mir gesagt: "DU BIST EIN KLIETZER" Das war das schönste Kompliment, das mir jemand während des Aufenthalts in Deutschlands gemacht hat. Traurigen Herzens gehen wir auseinander, denn morgen kommt noch ein harter Tag.

 

23. AUGUST 2009

 

Frau Berendt und ihre Freundinnen

 

Sie empfängt uns erneut am Nachmittag. Ich hoffe mehr über die Umstände meiner Geburt zu erfahren oder wenigstens über die Verhältnisse damals. Sie hat geplant, dass ich zwei ihrer Freundinnen treffe: Irmgard Menger und Ehrentraud Zeppik, die beide von 1943 bis 1945 in Klietz gelebt hatten.

 

                                   89

 

Trotz ihres hohen Alters kann ich feststellen, dass sie nichts von dieser Zeit vergessen haben,

Die Diskussionen sind lebendig, und bei der Flut der Informationen fällt es mir schwer einzuordnen, was wesentlich oder nebensächlich ist.

 

900 Bunker

 

Trotz allem habe ich die Bestätigung, dass die unterirdische Waffenfabrik aus mindestens 900 Bunkern bestand und dass dort eine große Menge Menschen zur Produktion von Munition eingesetzt war: etwa, 4000 Personen, darunter 1500 männliche und 800 weibliche Gefangene, deportierte Zwangsarbeiter

Freiwillige, Irmgard bestätigt mir, was ich schon wusste, dass nämlich die Gefangenen in Baracken rund um den See wohnten. Sie existieren immer noch um den See herum, und wir machen uns später auf, sie zu finden um einige Fotos zu machen.

Ich erwähne danach die Zeitspanne der amerikanischen Bombardierungen Richtung Hamburg die, laut meiner Mutter, ein schlechtes Ende genommen

hätten, dass am Ende alle Bomben der Fliegerstaffel über Klietz abgeworfen wären,  um  es völlig auszulöschen.   Überrascht von  meinen Worten, erklären mir die drei Damen klar und eindeutig, dass es nie eine amerikanische Bombardierung eines solchen Ausmaßes auf Klietz und die Waffenfabrik gegeben habe.

 

 

                                  90

 

20. April 1945

 

In Wirklichkeit hat die Stadt Klietz nur einen einzigen Bombenangriff ertragen müssen, den Artilleriebeschuss am 20. April 1945 durch die 12. amerikanische Armee, die auf der anderen Seite der Elbe stationiert war, gegenüber von Klietz. Wie ich erfahren konnte, handelte es sich darum, eine Demonstration der Hitlerjugend und anderer Nazigruppen zu zerschlagen, die den Geburtstag Adolf Hitlers feierten. Die einzigen bekannten und von der damaligen Presse erwähnten Schäden waren  die teilweise Zerstörung der Kirche, deren Turm den deutschen Soldaten als Beobachtungsposten diente sowie einige Häuser am westlichen Stadtrand.  Frau Berendt präzisiert, dass das Rathaus mit all seinen Archiven nie zerstört worden ist.

 

Herr Winkelmann – Fotograf

 

Ich zeigte danach ein kleines Passfoto meiner Mutter aus dieser Zeit in Klietz, das sie ihren Eltern in Liévin, Nordfrankreich geschickt hatte. Beim Vergleich dieses Farbfotos mit denen im Album von Frau Berendt wird klar, dass der einzige Fotograf der Gegend, der diese Fotos im September 1943 hätte machen können, in Klietz lebte und Winkellmann heißt. Diese Art von Fotos waren nie von Gefangenen gemacht worden. Man muss also wieder einmal erkennen, dass meine Mutter Germaine in dieser Waffenfabrik während ihres Aufenthalts in Deutschland unter einem gewissen Schutz stand.

 

                               91

 

Der deutsche Offizier

 

Die Erwähnung dieses deutschen Offiziers, der in Wirklichkeit mein Vater sein muss, wird durch so viele andere Elemente und Beweise untermauert. Es wird also eines klar: meine Mutter hatte eine intime Beziehung mit einem Soldaten, der ihr einige Privilegien verschaffte. Frau Menger und Frau Zeppik machen mich auf ein anderes Element außer dem Farbfoto aufmerksam, dass nämlich meine Mutter sehr adrett erscheine mit Schmuck um den Hals, Sie zeigen sich erstaunt, dass eine Frau in dieser Zeit solchen Schmuck besitzen konnte und das vor allem unter diesen Umständen.

 

Doktor Keiser und Otto Alex

 

Ich versuche genauere Informationen über meine Geburt herauszufinden, Die beiden Damen sagen mir, dass Doktor Keiser der Verantwortliche des gesamten Krankenhauses der Waffenfabrik war. Die medizinischen Fachgebiete waren über verschiedene Bunker verteilt, Frau Menger,  Frau Zeppik und Frau Berendt sind davon überzeugt, dass die Geburt in der Abteilung von Dr. Keiser stattgefunden hat. Ich erkläre ihnen dann, dass ich eine Kopie meiner vollständigen Geburtsurkunde in Sandau von Frau Ramona Bengsch - zuständige Standesbeamtin für die Region Stendal-

erhalten habe. Beim Lesen dieses Dokuments rufen sie zu meinem großen Erstaunen laut: "Aber das ist doch Otto Alex, der Klietzer Bürgermeister von 1945, der Ihre Geburt beglaubigt hat," Meine Freude ist riesig, als sie mir noch mitteilen, dass die für

 

                           92

 

die Geburten dort zuständige Hebamme eine der Schwestern von Otto Alex war.

Das Gespräch wird bei diesen Erzählungen wieder sehr lebhaft, da sie so froh sind, mir diese wertvollen Auskünfte geben zu können, die von nun an Teil meiner Geschichte und meiner Wurzeln sind.

 

Die Baracken entdecken

 

Bevor wir uns an die Entdeckung der berühmten Baracken um den See herum machen können, verabschieden wir uns traurig von Frau Menger und Frau Zeppik und versprechen wiederzukommen. Auf dem Weg erwähnt Frau Berendt die Leiden der Bevölkerung, der Flüchtlinge und der deutschen Soldaten, die vor dem Eintreffen der russischen Truppen am 5, Mai 1945 zu fliehen versuchten. Wir lassen wieder den Exodus dieser Menschenmassen aufleben, jeder mit seinen Plänen und mit den Mitteln, die die Flüchtlinge hatten.

Sie zogen weg Richtung Mahlitz im Norden in Richtung der polnischen Truppen, nach Schönhausen im Süden Richtung Paris oder Fischbeck zu den amerikanischen Truppen (und dann weiter in Richtung Rückkehrerlager Nancy, was diese Kategorie angeht). Die allgemeine Kopflosigkeit der ganzen Bevölkerung machte die Situation noch dramatischer, erklärt sie uns. Wir schauen uns all diese Gebäude aufmerksam an, in ausgezeichnetem Zustand, auf der Uferböschung des Sees, die einmal als die Unterkünfte der Gefangenen während des Krieges gedient hatten.

 

 

                               93

 

Es ist schwer auseinanderzugehen

 

Bevor wir auseinandergehen, erkläre ich Frau Berendt, dass morgen der Tag unserer Abreise sei und dass wir eine letzte Begegnung mit einer Einwohnerin von Tangermünde hätten, um Elemente über die Flucht meiner Mutter herauszufinden. Über diesen mythischen Ort  zu dem die Alte Brücke in Fischbeck geworden ist. Ich nehme Frau Berendt fest in die Arme, bevor wir gehen und kündige ihr einen weiteren Besuch für das nächste Jahr an. Es fällt mir schwer mich umzudrehen. Ich bin traurig, diese Dame zu verlassen, die mir ihr Herz geöffnet hat, um einen Teil meiner Herkunft zu herauszufinden.

 

24. AUGUST 2009

 

Abreise

 

Nachdem wir Havelberg früh morgens verlassen haben, fahren wir traurig durch Klietz Richtung Tangermünde. Um 9 Uhr kommen wir im Haus von Frau Marion Kroll an. Ein breites Lächeln erhellt ihr sanftes Gesicht, Stolz reicht sie mir eine dicke Mappe mit Unterlagen, die sie zu den Ereignissen aus der Zeit vom 12. April bis Mitte Mai 1945 zusammengestellt hat. Ihre Augen strahlen vor Freude und Stolz, als sie sie mir überreicht.  Sie nimmt uns dann mit in eine Verwaltungsabteilung der Stadt, wo sie das Ziel unseres Besuchs erklärt, um zu versuchen, eine Spur des Durchmarschs meiner Mutter zu finden, aber leider umsonst Ich muss mich damit abfinden, dass Germaine schon damals angefangen

 

                                      94

 

 hat, alles zu tun, dass man eben keine Spuren von ihr finden würde. Marion nimmt uns dann mit zum Pfarrer der katholischen Kirche, um auch dort zu recherchieren. Aber auch da führt die Suche zu nichts. Nach reiflicher Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass ich wohl nichts mehr Entscheidendes über meine Geburt herausfinden kann.

Meine Recherchen auf diesem Gebiet in der Region Stendal können eingestellt werden... Es ist inzwischen 11 Uhr, und voller Bedauern und Traurigkeit und beklommenen Herzens verabschieden wir uns von Marion. Nachdem ich sie lange an mich gedrückt habe, fahren wir Richtung Strassburg, um dort meinen Freund Franck von "Herzen ohne Grenzen" zu treffen.

 

Die Rückkehr nach Strassburg

 

In nostalgischer Stimmung fahren wir zurück nach Strassburg. Die Städte rauschen mir ein wenig zu schnell vorbei. Ich habe das Gefühl, einen wichtigen Teil meiner Geschichte und meiner selbst zurückzulassen, nachdem ich sie gerade erst gefunden habe. Aber die Realität holt mich von Stunde zu Stunde mehr ein. Nachdem wir die französische Grenze passiert haben, zeichnet sich Strassburg am Horizont ab und holt uns aus dem Zustand der Benommenheit, der an diesem Spätnachmittag über umgekommen war.

Die Stadt lädt uns zur Ruhe und Gelassenheit ein. Franck erwartet uns, und sein herzliches Willkommen besänftigt besonders meinen Schmerz und meine Trauer. Nachdem wir ihm in allen Details unseren Aufenthalt i» Klietz und meine Entdeckungen

 

                            95

 

erzählt haben, kommt er zum selben Schluss wie die deutschen Behörden und ich selbst, was meine Geburt angeht.  Ich bin wirklich ein deutsches Kind mit einer wahren Identität, nur der Name meines Vaters bleibt unerwähnt, was ein Beweis dafür ist, dass es ein deutscher Offizier war, denn in dieser Zeit durfte die Identität des Vaters, im Falle der Geburt eines Kindes mit einer Zwangsarbeiterin, auch einer Freiwilligen, auf keinen Fall enthüllt werden. Es ist übrigens sehr wahrscheinlich, dass er bei den letzten Zusammenstößen in Klietz mit den russischen Truppen am

5. Mai 1945 wenn nicht gefallen, dann nach Sibirien deportiert wurde wie der Großteil der dortigen deutschen Truppen.

 

Bin ich ein Deutscher?

 

Daran gibt es keinen Zweifel mehr. Meine unterschiedlichen Entdeckungen haben das eindeutig bewiesen. Im Laufe meiner Rückkehr zu den Ursprüngen in Klietz wurden die Lügen aufgedeckt. Ich habe so meine Geburtsurkunde einem handgeschriebenen Auszug aus dem Register des Jahres 1945 erhalten. Es ist mir mein ganzes Leben lang vorenthalten worden, aber ich bin sehr wohl ein Deutscher, denn ich bin während des Krieges in Deutschland von einer Mutter namens Germaine Lesage geboren worden. Es wurde nicht einmal vermerkt, dass sie Französin war. Man findet keine Spur ihrer Staatsangehörigkeit in den Geburtsregistern. Der Name meines französischen Adoptivvaters ist auf der Verwaltungsakte nicht vermerkt, was beweist, dass er es nicht gewesen

 

                             96

 

sein kann.

Ich  verstehe nun den Anfang meiner Geschichte, die sich vom 12. April bis 3. Juni 1945 abgespielt hat, ein bisschen besser. Germaine, meine Mutter,

fand sich allein in Klietz,  mit einem Kind, ohne ihren deutschen Beschützer. Sie hat also die Hilfe eines Schicksalsgenossen angenommen, der nach Nordfrankreich zurückkehrte. So beschützt konnten Mutter und Kind ganz normal durch ein Aufnahmelager geschleust werden. Man findet ihre Spur im Lager Nr. 39 von Nancy. Dies bestätigt auch das Drama des Exodus Fischbeck  dessen Name auch auf der Gesundheitsakte der Rückkehr ist,

Indem mein Adoptivvater angab, der Vater des Kindes zu sein, was er vor dem Landgericht in Lille im Februar/März 1946 bestätigte, bewahrte er

Mutter davor, bei ihrer Rückkehr ins Gefängnis zu kommen und mich den staatlichen Behörden übergeben zu werden. Im Gegenzug willigte Germaine ein, mit ihm zusammenzuleben. Sie wird diesen Kompromiss bezahlen; der sie sehr unglücklich machen wird. Ich selbst verkörperte für Eugéne den lebenden Beweis, der Sohn des ändern, der "Sohn des Boche" zu sein.

 

Armand Leténdart-Lesage

 

Ich bin nicht der Sohn von Eugéne, darüber bin ich so froh. Ich schäme mich für nichts von alledem, im Gegenteil, ich bin stolz, ein "deutsches Kind" zu, sein. Diese Wahrheit, die nun herauskommt und die mir mein Leben lang so gefehlt hat, erfüllt mich mit aufrichtiger Freude. Ich existiere nun mit wahren Wurzeln. Ich habe wie jedermann meine eigene

 

                            97

 

Geschichte, etwas kompliziert, aber was zählt das

schon. Armand Lesage, das ist also tatsächlich meine wahre Identität. Trotzdem ist mein Herz gleichzeitig traurig, weil ich das alles so spät erfahren habe und dass ich so nicht mehr die Identität meines wirklichen Vaters erfahren konnte.

Die Aussagen der einen, die Behauptungen der anderen (meiner Großeltern), die Recherchen in französischen und deutschen Archiven, meine Entdeckungen und all die wiedergefundenen Spuren haben in diesem Bericht ihre wahre Bedeutung erhalten.

Mir bleibt ein spezieller Satz in Erinnerung, den ich oft gehört habe und über den ich viel nachgedacht habe, wenn ich in den Armen meiner Großmutter, meiner wahren Mutter, Trost suchte. Das hat sie mir im Dialekt gesagt, um mich zu beruhigen: "Min Kleener, dein Vater ist nicht dein Vater, du bist der Sohn von diesem deutschen Offizier..." Dieser Satz war für mich mein Leben lang ein wahrer Trost, nicht Eugenes Sohn zu sein. Du hattest Recht "Memere", ich bin wirklich der Sohn des anderen.

 

Dankbarkeit

 

Mehr als 200.000 Kriegskinder haben diese Belastungen, all diese Qualen durchlebt, nicht ihre Herkunft zu kennen, keine wahren Wurzeln zu haben weder in Deutschland noch in Frankreich, Ich habe das Glück gehabt, fast alles über die Sachlage, die Ereignisse und die beteiligten Personen zu erfahren, die um meine Geburt kreisten. Ich bin froh, die Möglichkeit gehabt zu haben, jedes Element dieses Abenteuers zu Tage zu fördern, um verstehen zu

 

                                 98

 

können. Ich habe dabei einen wichtigen Teil entdeckt: die Stadt, in der ich geboren wurde, die Zusammenhänge, in denen sich das alles abgespielt hat. Ich habe die wahre Geschichte meiner Rückkehr nach Frankreich entdeckt. Ich bin nicht mehr dieser Niemand, den man gnädigerweise 1946 anerkannt hat... Ich bin ein Kind, das ganz legal 1945 in Klietz geboren wurde. Auch wenn ich

1961 von Germaine, meiner Mutter und Eugene, meinem Adoptivvater adoptiert worden bin, bin ich dennoch Deutscher, auch wenn ich durch die Adoption Franzose geworden bin, worauf ich auch stolz bin. Aber ich möchte auf keinen Fall meine wahre Herkunft verleugnen. Deshalb werde ich alles tun, um bei den deutschen Behörden diese Anerkennung durch eine zweite Staatsbürgerschaft zu erhalte.

 

Innere Ruhe

 

Wenn ich das Bedürfnis hatte, diese Ereignisse zu erzählen, dann um meinem Leben einen Sinn zu geben und dem der Tausenden anderer wie mir, die Ähnliches durchlitten haben. Diese Erinnerungspflicht musste abgeleistet werden im Namen und für all die Widerstandskämpfer, für die Männer und Frauen, mehr oder weniger anonym, die in Deutschland wie in Frankreich ihr Leben geopfert haben, damit die kommenden Generationen wie ich "frei" leben können.

Indem ich diese Zeilen zu Ende schreibe, sehe ich noch einmal all die Ereignisse dieses verdammten Krieges vor mir, von seiner Vorbereitung 1923 bis zu seinem Ende 1945. Ich gerate in Wut über die Leiden, die Millionen Menschen wegen des

 

                                99

 

Nationalsozialismus erdulden mussten, und ich weine um dich "deutsches Volk", das diese schwere

Bürde tragen musste. Ich bitte euch alle, uns zu verzeihen, für meine Mutter und für mich, denn der Schmerz und die Scham deiner Niedertracht entsetzen mich heute noch, selbst wenn du dein Leben lang einen hohen Preis dafür zahlen musstest.

Ist es nun auch an mir, dir, meiner Mutter, all die Lügen zu verzeihen, die mir zu viel Schmerz zugefügt haben: mir dem Sohn des "verdammten Boche", den du dort, im hintersten Winkel von Deutschland geliebt hast? Schwer vorstellbar, diese Vergebung, wenn man all diese Schicksalswindungen nicht wirklich vergessen kann. Und dennoch wünsche ich sie mir, auf dass sie eine wahre Therapie werde, die mir erlauben wird zur Ruhe zu kommen und meine Suche zu beenden.

Mit der Entdeckung meiner Herkunft und der Zuerkennung der deutschen' Staatsbürgerschaft wird die Zeit die Wunden heilen, und der Schmerz

wird allmählich verschwinden, um der Freude Platz zu machen, dein Sohn gewesen zu sein.

Sie, die Sie vielleicht von solchen Ereignissen erschüttert wurden, bleiben Sie gelassen. Leugnen Sie nicht Ihre Vergangenheit, gehen Sie sie mit Würde an, Das ist der Preis für den Seelenfrieden. Schämen Sie sich nicht, ihre Herkunft zu recherchieren und sie aufzudecken, egal wie traurig sie ist.  Sie können nichts dafür, und die Tatsache, eine Existenz zu haben, macht alle psychischen Leiden dieser Welt wett.  Bieten Sie Ihrer Vergangenheit die Stirn wie ich, der ich ihr von nun an mit viel Gelassenheit, Stolz und Ehre die Stirn biete, um nur noch an die Zukunft zu denken, als ein wirkliches Kind

 

                              100

 

 Deutschlands und Frankreichs anerkannt zu werden.

 

Erleben Sie das Glück wie ich,  voller Stolz den Satz zu hören, den mein Freund Jürgen Masch, Bürgermeister von Klietz zu mir gesagt hat:

„DU BIST EM KLIETZER!“

 

ICH BIN EIN KLIETZER

ICH BIN EIN KIND AUS KLIETZ

 

Ich schäme mich nicht mehr, endlich als Kind dieses "verdammten boche" anerkannt zu sein»

 

Würdigung

 

Ohne dass es mir richtig bewusst war, habe ich bis zum Tod meines Adoptivvaters Eugéne und dem meiner Mutter Germaine mein Leben um das Thema organisiert "es ihnen gegenüber zu etwas zu bringen" Ein Großteil meines Lebenserfolgs war so bestimmt von diesem Leitmotiv. Ich musste ihnen beweisen, dass ich auch als Sohn eines "Boche" kein Nichtsnutz war. Dieser ständige Kampf gegen sie hat mir den notwendigen Mut gegeben, das Leben zu meistern.

Dass ich jedoch der Mensch geworden bin, der ich bin. das verdanke ich vor allem der Liebe, die du, meine Großmutter, mir gegeben hast, "Memere", wie ich dich nannte, du hast mich nicht neun Monate unter dem Herzen getragen, wir hatten nicht diese innige Zweisamkeit vor der Geburt, ich bin nicht dein Fleisch und Blut, und doch bist du für mich die Mutter, die ich nie wirklich hatte, Wie oft hast

 

                                 101

 

du mich getröstet nach Beschimpfungen von Eugene und der sperrigen Zärtlichkeit von Germaine.

In deinen  Armen habe ich immer nur Rückhalt

gefunden. Für alle anderen warst du meine

Großmutter, aber für mich warst du meine Mama: die, die sich jedes Kind wünscht.

Wenn ich mich so an dich wende, am Ende dieser Niederschrift, dann tue ich das, weil ich das Bedürfnis habe, dich zu würdigen und dir zu danken. Ich habe so viel von dir gehabt in meinen ersten Lebensjahren, dass mir die Tränen kommen, wenn ich nur daran zurückdenke an all die Momente der Zärtlichkeit, des Verständnisses, des Miteinander,  die ich mit dir kennengelernt habe. Deine Worte, dein "gutes Französisch" durchsetzt mit richtigem Dialekt ließen mich wunderbare und köstliche Augenblicke erleben. Ich habe deine Lebensart "wie es früher war" gelernt und bewundert,

aus der Zeit deiner eigenen Eltern, in der man die Eltern noch respektvoll siezte. Du hat mir den Respekt vor den anderen beigebracht, den Stolz und das Worthalten, und diese ganze Menschlichkeit, mit der du mich umgeben hast, berührt mich heute in diesen schwierigen Zeiten noch tief. Ich bin ein Mann geworden, der das Prinzip der Toleranz achtet, das du mir im Laufe dieser schönen Jahre und auch später noch nahegebracht hast.

Durch dich wurden all diese schmerzlichen und traurigen Momente, die ich hier erzählt habe, teilweise besänftigt, Tief in meinem Herzen höre ich immer noch diese lieben Worte, die in deinen Augen Gold wert waren und die du mir entgegenriefst, immer wenn ich zu dir kam: "da bist du ja, mein Kleiner, die Blume an meinem Hut", In dieser

 

                           102

 

Würdigung vergesse ich auch vor allem nicht "Pepere", meinen Großvater, schlicht und

manchmal grobschlächtig, der es aber verstand, mich im richtigen Augenblick auf seinen Schoss zu nehmen, als ich klein war und als ich grösser war, mich in dunklen Momenten auf andere Gedanken brachte, indem er mich mit in den Garten nahm, um mir eine der neuesten Geschichten von seiner Arbeit zu erzählen, über die Houilleres-Lokomotiven, die er geschickt steuerte, Ein letzter Gedanke geht an meinen Onkel Armand, der auch über den Kleinen wachte, der ich war und den ich als meinen grossen Bruder betrachtete. Wie viel Kraft, Mut und Willenskraft habe ich durch dein Vorbild gelernt Du hast es verstanden, mir wie ein Meister seinem Lehrling all diese Werte von Solidarität, Brüderlichkeit und Respekt vor sich selbst und den ändern zu vermitteln, denn für dich waren diese Worte Loyalität und Gerechtigkeit extrem wichtig. Unbewusst habe ich durch das Beispiel deiner Lebensdisziplin und deines Pflichtbewusstseins den Mut gehabt, mein Universitätsstudium  wieder aufzunehmen und danach meiner Lebensgeschichte ein erstes Buch als historischer Autor hinzuzufügen. Dieses ganze familiäre Umfeld, die ganze Liebe, die ihr mir gegeben habt und die ihr auch gezeigt habt, erfüllt mein Herz mit Freude. Euer ganzes Leben lang habt ihr mich als euren Kleinen betrachtet, das ging so weit, dass ihr mich "Kleiner" und nicht Armand genannt habt. Mit dieser Freude, geliebt worden zu sein, mit diesem Glück, das ihr mir geschenkt habt und den Werten, die ihr mir beigebracht habt, habe ich es vermocht, meiner Familie,

 

                                 103

 

die ich liebe, den wahren Sinn des Lebens zu vermitteln, indem ich Anstand und Hingabe vorgelebt habe.
Euer "Kleiner"

                                     

Meine Mission geht zu Ende

 

Ein Element fehlte aber noch in meinem Lebenspuzzle. Um einen Schlussstrich unter meine Lebensgeschichte setzen zu können und endlich zu existieren, musste ich diese Prüfungen erzählen, meine Herkunft recherchieren, um diese schwere Bürde zu verstehen und zu erklären, am 17.April 1945 im Nazi-Deutschlandgeboren worden zu sein.  Ich musste diese Leiden loswerden, sie aus meinem Gedächtnis verbannen, um leben zu können. Auf den Rat meiner Frau Pascale und anderer hin, die sich für meinen Lebensweg interessierten, habe ich mich also entschlossen "meine Geschichte" innerhalb der "großen Geschichte" niederzuschreiben. Ich musste diese Erinnerungspflicht leisten, um nicht zu vergessen, Ich musste Zeugnis ablegen, nicht nur für mich, sondern für die anderen, für all diejenigen, die gelitten haben und für alle meine Brüder ob weiß, schwarz, gelb, Christen, Moslems oder Juden und auch für die, die ich liebe, meine Kinder, meine Freunde.  Diese Geschichte wurde wahrscheinlich von einer großen Zahl von Kriegskindern so ähnlich erlebt. Sie nehmen sie jeder auf seine Weise hin, je nach seiner eigenen Leidensvariante. So geht meine Mission zu Ende, nachdem ich den ganzen Schmerz losgeworden bin, der sich in mir angestaut hatte. Es bleiben trotz allem einige ungeklärte Elemente, die mit Hilfe der deutschen

 

                                 104

 

Behörden (Bad Arolsen) aufgeklärt werden können und wahrscheinlich alle meine Entdeckungen bestätigen werden.

Meine Fragestellung bleibt nach wie vor dieselbe:

Bei allem, was man zu der damaligen Zeit über die Barbarei der Nazis gegen Juden, Polen und so viele andere Völker wusste, warum hast du Germaine gewählt, dich an den Kriegsbestrebungen der Nazistreitkräfte beteiligen ? Und warum hast du mir all die Lügen über meine Geburt erzählt ? Wusstest du nicht, dass es viel besser ist, die Wahrheit zu sagen als  Lügen und Scham zu verbreiten ?

Meine neue Mitgliedschaft bei der Vereinigung "Herzen ohne Grenzen" hat mir erlaubt, die Spuren und die Grundelemente meiner Geburt wieder zu finden, die meinem Lebensweg fehlten. Ich weiß jetzt, wer ich bin und woher ich komme. Im Zusammenhang mit diesem Buch denke ich mit Achtung an die Nachkriegsgeneration, zu der ich auch gehöre, an die, die zu leiden hatten, an alle gequälten Völker. Ich denke an das deutsche Volk, zerrissen von all diesen Ereignissen, das weiterleben muss unter der Last einer schrecklichen Geschichte, und das noch über viele weitere Generationen hinweg. Aus all dem erwächst der Wunsch, dass trotz der Spannungen, der Kriege, die Menschen das Unglück weiter bekämpfen, um sich über die von Menschen gesetzten Grenzen hinaus zu verstehen und ihrem Leben einen Sinn zugeben.

Die Zeit heilt nicht alles, vor allem nicht den Schmerz, den ich wegen dir,  Germaine, und wegen meines Adoptivvaters durchlebt habe; der Adoptivvater, der mich aus "Menschlichkeit" vor dem sicheren Tod retten wollte, um mir mein ganzes

 

                            105

 

Leben lang (ohne sich dessen bewusst zu sein) um so mehr Leid zuzufügen... Zweifellos ist es jetzt klüger und sicher angebrachter, dieser Litanei ein Ende zu machen. Ich fürchte nämlich, dass es Zeit

ist, aus Überdruss oder aus Zynismus oder einfach um zu vergessen - denn das Vergessen ist vielleicht die Bedingung zum Überleben eines Dramas wie ich es erlebt habe - einen Schlussstrich unter diese Zeit zu ziehen. Ich muss das alles hinter mir lassen und aufhören mir solche Fragen zu stellen, vor allem wenn man das Glück hat, von denen, die einem am so Herzen liegen, geliebt zu werden. Hier denke ich an meine Kinder und meine Frau.

 

ALLES, NUR NICHT VERGESSEN !

 

Um all diese vergessenen Momente der Vergangenheit lebendig zu machen, ihnen ihre ursprüngliche Bewegung wiederzugeben, habe ich mich gezwungen mehrere Archive, eine umfangreiche Bibliographie sowie Bücher und Zeitschriften durchzusehen, die diese Zeit von 1932 bis 1945 bis in unsere Tage behandeln. Diese Chronik geht also zu Ende. Ich schäme mich heute noch für all die Opfer des Zweiten Weltkrieges, die unter dem Naziregime und dem Herrscherwahnsinn einer Handvoll Ungeheuer gelitten haben, denen es gelungen ist, die Menschheit in übelster Weise zu beschmutzen. Ich schäme mich heute noch, dass diese damalige Generation diese Peiniger nicht hat aufhalten können. So viele Dramen wären so verhindert worden,

Immer noch leide ich unter dem, was ich gelesen und begriffen habe über die Grausamkeiten dieser Peiniger, begangen am deutschen Volk und

 

                            106

 

ethnischen und religiösen Gemeinschaften. Wie viele andere möchte  ich laut herausschreien "nie wieder" solche Grauen, nie wieder Ausrottung von Völkern! Vielleicht wird die Welt durch diese

Qualvolle Geschichte und all ihre Zeugnisse einsehen, wohin ein Unrechtssystem die Missachtung anderer führt. Möge der Mensch Schlüsse daraus

ziehen und eine Lektion für die Zukunft lernen,

Wenn meine Trauer und meine Wut durch diese Zeilen spürbar werden, sie mir vergaben. Durch diese schwere Bürde, die mir durch Eugéne

und Germaine auferlegt wurde, fällt es mir heute noch schwer, meine Gefühle des Aufbegehrens und des Schmerzes zu unterdrücken. Heute weiß

ich alles oder fast alles über meine Herkunft und meine Geburt.

Mutter, du hast dieses schwere Geheimnis mit ins Grab genommen, an dem du dein Leben lang schwer getragen hast. Ich habe für dich diese Schuld bezahlt, und es ist bedauerlich, dass wir über diese Probleme nicht früher haben sprechen können und dass ich deinen Tod abwarten musste, um endlich zu verstehen, um dir zu verzeihen. Dir, meiner Mutter vergeben zu können, wird erst mit der Zeit möglich sein.

 

 

                                 107

 

DANKSAGUNGEN

Ich danke von Herzen allen, die mir ihre wertvolle Hilfe zuteil werden ließen.

 

Meinen Freunden in Deutschland

 

Herrn Torsten Petzold, Französischlehrer in Deutschland (Havelberg) , der mein Rechercheprojekt, meine Motive genau verstanden hat und der mir mit viel Freundlichkeit sein ganzes Können als Dolmetscher für alle Kontakte zur Verfügung gestellt hat, die er in Klietz, Havelberg und Sandau im August 2009 organisiert hat.

 

Herrn Jürgen Masch, Bürgermeister der Stadt Klietz für seinen herzlichen Empfang, seine Hilfe und sein Verständnis.

 

Herrn Jürgen Przybyla, verantwortlich für Kommunikation in Klietz, der die Begegnung mit meinem Freund Torsten Petzold ermöglicht hat,

 

Allen Personen in Klietz, Havelberg, Sandau und Tangermünde, die Achtung und Hilfsbereitschaft entgegengebracht haben, um die Zusammenhänge dieser Zeit am Ende des Krieges besser zu verstehen, so dass meine Geburt offiziell anerkannt werde und damit ich auf meine deutsche Herkunft stolz sein kann und besonders darauf, ein Klietzer zu sein.

 

Frau Ramona Bengsch, Standesbeamtin in Sandau, zuständig für die Personendaten. Sie hat mir erlaubt, sämtliche Archive, die mit meiner Geburt zu

 

                                 108

 

tun haben, zu durchsuchen und hat meine wahre deutsche Geburtsurkunde gefunden.

 

Frau Annemarie Berendt und Sohn Carsten in Klietz, dafür dass sie mir zu besserem Verständnis des Ablaufs meiner Geburt verholfen haben, ihrer Erlebnisse von 1939 bis 1945.

 

Frau Elke Hartmann, Gasthof "Zur Alten Tanke" (Freundin von Jürgen Masch) für ihr Zuhören, ihre Aufnahme und all ihre Liebenswürdigkeit.

 

Frau Marion Kroll in Tangermünde für ihre Einsatzbereitschaft, ihre wertvollen Ratschläge     und ihre  Innigkeit.

 

Herr  Heinz   Kiehnscherf,  und Sohn Michael  in  Klietz für seine Anteilnahme an meinem Schicksal bei der Erwähnung des Kriegsendes       und

seine Freude mich getroffen zu haben.

 

Frau Andrea Schröder, Redakteurin bei der "Volksstimme" in Havelberg, für ihr Zuhören und ihr Verständnis für meine Geschichte und dafür. Dass sie einen Artikel über mich und diese Ereignisse geschrieben hat, um mirzus helfen, meine Herkunft aufzudecken.

 

Frau Berendts "Komplizinnen": Frau Irmgard Menger (Peper) aus Nortorf  (Tochter des Pfarrers in Klietz im Jahre 1945) und Frau  Ehrentraud Zeppik in Klietz für all ihre Anekdoten aus dem Leben der Klietzer Bevölkerung in der Zeit von April bis Mai 1945.

 

                              109

 

Meinen Freunden in Frankreich

 

Michel Samt-Gatt, für die Zeit, die er sich genommen hat mein Manuskript zu korrigieren und das wunderbare Vorwort geschrieben zu haben

 

Dem Verein "Herzen ohne Grenzen" für die Freundschaft, die sie mir entgegenbringen und ihre Hilfe, um die ganze Wahrheit in Klietz herauszufinden.

Jean-Jacques Delorme - dem Vorsitzenden - Chantal Le Quentrec - Schriftführerin - Franck Rolland - Regionaldelegierter Grosser Norden-Ostfrankreich, für seine Brüderlichkeit, seine Freundschaft, Als alles unmöglich schien, haben sich alle Türen für mich geöffnet und- ich konnte meine Geburtsurkunde und den Ort meiner Geburt ausfindig machen,

Herbert Martern, meinem Philatelistenfreund (deutscher Herkunft), der sich für die Geschichte seines Landes begeistert und der Urheber dieses Buches ist.

Pierre Depres, Vorsitzender des Fliegervereins von Hainaut "Marin la Meslee »für seine große Bruderschaft, die er mir immer geschenkt hat.

Nicolds Georges, Verlagsdirektor der Freimaurer-Zeitschrift für sein Vertrauen, das er mir seit mehr als fünf Jahren während unserer Zusammenarbeit als  historischer Autor stets entgegengebracht hat,

Andere Personen haben mir auch geholfen: Frau Hieblot und Herr Christain Lemarchand im Verteidigungsministerium - Archivstelle der Opfer zeitgenössischer Konflikte in Caen, Frau Anne Leblay

 

                                110

 

und Frau Nathalie Letierce-Liebig in der Abteilung Internationale Recherchen

Verbindungsstelle der französischen  Botschaft  der  Bundesrepublik Deutschland.

Ich vergesse auch nicht diejenigen, die mir erlaubt haben, umfangreiche Auszüge ihrer Texte und ihrer wertvollen Archive zu benutzen und zu verbreiten, insbesondere J.D. Remond mit seinem Buch « Une mere silencieme», Sie alle haben mir erlaubt, ihre Bibliographien schätzen z« lernen, deren Beiträge von unschätzbarem Wert waren, besonders der Konservator des Archivs der Region Pas de Calais, Jacques Legrand S.A.

-        Chronique Verlag, Paris -1985, «Le Figaro», Paris, das Verlagshaus
«Lamusse», «La Voix du Nord» in Litte, «L'Express», die Schriften des
Armeemuseums, Harenberg Kommunikation, Dortmund - 1982, Ich danke
dem Staatsmuseum in Oswiecim (Polen)  «Auschwitz-Birkenau», der Kommunistischen Partei Frankreichs in Lens, dem Personal der städtischen Bibliothek in Lievin, dem Rathaus von Arras für seine Kriegsarchive, der Stadt Klietz für ihre Teilnahme an der entscheidenden Aufdeckung zu meiner Herkunft und für den Zugang zu den Archiven der Zeit von 1942-1945, Eric Decarcique - Geschichtslehrer in Lievin (Spezialist für den Zweiten Weltkrieg) für seine unterschiedlichen Schriften als Autor der Zeitschrift «Gauheria». Ich konnte die Archive, die das Verhalten der Akteure dieser Geschichte betreffen, einsehen und benutzen. Diese umfangreiche Dokumentation hat mir erlaubt, die notwendigen Beweise zu finden, die meine eigenen

 

                              111

 

 Vermutungen bestätigten, um schließlich meine Geschichte erzählen und sie gleichzeitig in ihren ursprünglichen Kontext, den Zweiten Weltkrieg, stellen zu können.

Liebevolle Gedanken gehen an meine Ehefrau Pascale, an Annette und Anthony, und Franck, meine Kinder, für die Unterstützung und das Verständnis, das sie mir entgegengebracht haben in dieser langen und schwierigen Erinnerungsarbeit, aber auch an Stephane und Jehanne Mathilde und Louise, meine Enkelinnen.

Danke an alle, die es mir möglich gemacht haben, der m werden, der ich bin!

 

Armand Pouille, April 2010

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                               112

 

TEXT DES BUCHRÜCKENS

 

Immer wieder mahnt man die die Pflicht zur Erinnerung an, aber es nützt nichts, an ein Ereignis zu erinnern, nicht einmal, um zu verhindern, dass es sich wiederholt, wenn man es nicht erklärt. Man muss verstehen, warum die Dinge geschehen. Der Autor geht in der Zeit zurück bis zu den Ursprüngen, die den größten Weltkonflikt ausgelöst haben können, Die wahre Geschichte erfordert Gründe und Beweise... Er wird in Form eines chronologischen Berichts die Ereignisse durchgehen, die zum Machtergreifung Hitlers und seiner Helfershelfer beigetragen haben. Diese so komplexen Persönlichkeiten, die sich nicht rational fassen lassen.

Tief geprägt von den Ereignissen dieser Zeit des Zweiten Weltkrieges, in der das Leiden vieler Millionen Menschen verursacht wird, widmet der Autor in seiner Rückschau auf diese Ereignisse einen bedeutenden Teil den Völkermorden, der von den Nazis bewussten Völkerausrottung bis zur Vernichtung von mehr als sechs Millionen Juden in den Todeslagern und von sechs Millionen Polen im Laufe dieses ganzen schrecklichen Krieges.

Mit dem Gesamtüberblick über diesen Konflikt gelingt es ihm, seine Geschichte und sein Erleben am Ende des Krieges und in der Nachkriegszeit zu integrieren. Er möchte die schwere Bürde der Zusammenhänge um seine Geburt herum verstehen, eine Bürde, die er sein ganzes Leben lang mit sich herumgetragen hat, wegen eines Fehlverhaltens seiner Mutter und seines Adoptivvaters, die als Freiwillige in Deutschland unter dem

 

                           113

 

nationalsozialistischen Regime gearbeitet haben. Er wünscht sich mit diesem, bis in die Gegenwart hinein erlebten Übel, abschließen zu

können... Das einzige Verbrechen, das ihm immer vorgeworfen wurde, war » der Sohn eines "verdammten Boche" zu sein und in der Zeit des Holocaust von einem "deutschen Offizier" als Vater abzustammen.

Indem er sich  der Leiden dieser Millionen Menschen annimmt, wünscht er sich auch Vergebung für diese Schrecken, als ob er sie selbst begangen hätte. Er möchte Zeugnis ablegen für all die Kinder, die während des Krieges oder kurz danach geboren wurden und die auch auf ihre Weise erlebt haben wie es ist, einer verbotenen Liebe zwischen einem deutschen Vater und einer französischen Mutter zu entstammen. Das ist die Situation, die zum Kapitel

"Die Lebensunlust der Nachkriegszeit“ beigetragen hat. Die Wahrheit über seine Geburt, die er Schritt für Schritt bei seinen Recherchen aufdecken wird, wird ihn schließlich, durch die Enthüllung seiner wahren Identität, eine innere Gelassenheit finden lassen, nicht mehr ein Niemand, ein Nichtsnutz und nicht mehr der Sohn des verdammten Boche zu sein, um endlich stolz darauf zu sein, ein Bürger Europas und als wahrer Deutsch-Franzose anerkannt zu sein.

Der letzte Teil handelt vom Lebensweg des Autors, seiner Recherche, der Entdeckung seiner Ursprünge in Klietz, von seiner Aufnahme bei den Deutschen und von seinen Erlebnissen als Kriegskind. Dieser Teil wurde von einer Freundin, Cornelia Zemskeris, Deutschdozentin an der Ingenieurhochschule "AgroParisTech" ins Deutsche übersetzt, um all seine

 

114

 

Freunde in Klietz, Havelberg, Sandau und Tangermünde an seiner Freude teilhaben zulassen, als ein in Deutschland geborenes Kind anerkannt zu sein.

Armand Pouille ist Absolvent der Universität von Lilie, wo er 1998 und 1999 zwei Diplome erworben hat. Er hat insbesondere beim Verlag Grancher, Paris im Oktober 2002 ein Buch veröffentlicht, das ein Referenzwerk auf seinem Gebiet wurde

 " Von den Maurern des Mittelalters bis zu den Handwerksgesellen von heute“ Zur Buchmesse im Oktober 2010 wird beim Verlag Tredaniel-Vega in Paris "Ich kann weder lesen noch schreiben: die Freimaurerei kennen und verstehen" erscheinen. Er schreibt zur Zeit an seiner Doktorarbeit über "Den Geist und die Werte der fahrenden Handwerksgesellen", die Ende 2010 verlegt werden wird

 

 

 

 

 

 

 

 

                                  115

 

 

Titel: oben links Armand Pouille,

unten links Germaine Létendart (Mutter des Autors),

rechts: Altes Wehrmachtsfoto aus dem Jahre 1945 (anonym)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

    

© Mit Genehmigung des Autors: 

Jürgen Masch und Jürgen Przybyla, Klietz

Deutschsprachiger Teil des Buches von Armand Pouille „„Klietz 1945“ (Kapitel 4)

Unverkäuflich.

Erhältlich gegen eine freiwillige Spende im

Gemeindebüro und in Ladengeschäften des Ortes.

Der Erlös kommt den in Klietz ansässigen

Kultur- Und Sportvereinen zugute.

 

 

 

 

Inhaltsverzeichnis des Buches

 

Premiére Partie

 

Chapitre un: Le début dùne guerre mondiale

Chapitre deux: La guerre

Chapitre trios: La question Juive

Chapitre quatre: Les répressions

Chapitre cino: Stalingrad – Leningrad

Chapitre six: Une France qui collabore – Une France qui résiste - Le choix

Chapitre sept: Le débarquement

 

Deuxieme Partie

Chapitre huit: Le début de mon histore

Chapitre neuf: Naître en Allemagne à Klietz

Chapitre dix: Le Reich dans Létau des Alliés

Chapitre onze: 1944 – 1945 – 1946

 

Troisieme Partie

Chapitre douze: Seconde version de ma naissance

Chapitre treize: Va-t-on vers un renouveau mondial?

Chapitre quatorze: Germaine reprend son enfant

Chapitre quinze: Reconnu et adopté par ma mère

Chapitre seize: La révelation – Acte “Un” abandonné a Klietz

Chapitre dix-sept: Ne plus être un bon à rien

Chapitre Dix-huit: L`histoire dune vie – Un lourd fardeau

 

Epilog

Text des Taschenbuches in französisch

 

Anfang